Krankheit als Verführung


Wenn sie auf der Straße einem Menschen begegnen, der sichtbar im Alkohol- oder Drogenrausch herumtorkelt, sie vielleicht gar anpöbelt, was denken sie dann?

Ich weiß das natürlich nicht. Aber ich kann ihnen den Unterschied zwischen heute und vor dreißig Jahren in der sozial korrekten Beschreibung dieses Menschen verraten:

  • “Dieser Mensch ist ein Säufer/Junkie!” (anno 1983)
  • “Dieser Mensch ist ein Suchtkranker.” (anno 2013)

Wahr ist beides. Was macht den Unterschied? Die Krankheit macht den Menschen weniger angreifbar, enthebt ihn eines Teils der moralischen Verantwortung für seinen Zustand, besiegelt seinen Anspruch auf die Hilfe der Gesellschaft. Wer säuft oder Heroin drückt, handelt sozial verwerflich und soll einfach damit aufhören. Wer aber krank ist, dem muss geholfen werden! Was natürlich auch Nachteile hat. Man begibt sich in Abhängigkeit zu anderen. Man gibt einen Teil der Kontrolle über sein Leben auf. Man schuldet anderen Dank und Gegenleistungen für die gewährte Hilfe.

Die “Flucht in die Krankheit” ist eine Stiefschwester der “Flucht vor der Verantwortung”. Und paradoxerweise geschieht dies alles in einer Welt, die danach zu streben scheint, den Zufall auszurotten und für jedes Ereignis endlose Kausalketten zu konstruieren, die zu einer oder einem “Schuldigen” führen (und ist der Schuldige nachweislich tot, dann muss es, wie im unseligen “Fall Kampusch”, eine herbeifantasierte “Verschwörung” gewesen sein).

Wir suchen permanent nach Schuldigen, lehnen aber Eigenverantwortung zunehmend ab. Das Risiko einer Krankheit – einschließlich einer selbst (mit-) verursachten – “trägt eh die (Sozial-) Versicherung!”, für das Geld auf der – außergewöhnlich hohe Zinsen versprechenden – Bank “haftet die Einlagensicherung”, gegen den Staatsbankrott hilft “irgendein Rettungsschirm.” Selbst ein Kleinunternehmer kann sich heute vom persönlichen Risiko des wirtschaftlichen Scheiterns durch Gründung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung problemlos und kostengünstig weitgehend freikaufen, ja er wäre oft ein Narr, wenn er es nicht täte! Der Bankier Gustav von Epstein, der nach dem Börsenkrach von 1873 sein Privatvermögen großteils darauf verwendete, sein Bankhaus still zu liquidieren und allen Kunden ihre Einlagen auszuzahlen, wäre heute die Lachnummer der Wiener Gesellschaft.

Um auf das Risiko der Krankheit zurückzukommen: wer hat nicht schon einmal “krankgefeiert”, die fehlende Bereitschaft der Ärzte ausgenutzt, eine Kranke oder einen Kranken streng zu beurteilen, und sich damit ein paar freie Tage auf Kosten des Arbeitgebers (oder der Krankenkasse) extra verschafft? Wer hat nicht von irgendeinem Fall im öffentlichen Dienst gehört oder gelesen, in dem jemand mit der schwer einzugrenzenden Diagnose “Burn-Out-Syndrom”  schon Monate oder gar Jahre im Krankenstand verbracht hat? “Ich leide am Burn-Out-Syndrom!” klingt doch auch ungleich schöner als das bloße Eingeständnis, zur sozial fragwürdigen und unerforscht klingenden Gruppe der Melancholiker zu gehören! Melancholikerinnen und Melancholikern gewährt man auch keinen Krankenstand sondern höchstens den Ratschlag, sich um eine “bessere Diagnose” zu bemühen (unzynisch gemeinter Hinweis: ein guter Tipp wäre “F32.1 -  Mittelgradige depressive Episode” laut ICD-10).

Die Grenzen zwischen dem, was Mitgefühl verdient, und dem, was bloß ein Schutzschirm für Fragwürdiges ist, verschwimmen auf diese Weise. Es ist nicht mehr klar, ob Krankheit etwas Erschreckendes oder etwas Verführerisches ist.

Tag für Tag für Tag


Ich werde älter. Nein, ich meine nicht die simple Tatsache, dass jeden Tag 24 Stunden auf meiner biologischen Uhr herunterticken. Ich meine, was meine Namensvetterin und Urahnin im Geiste über die Zeit gesagt hat: “…aber auf einmal, da spürt man nichts als sie!”

Gewisse Zeichen sind objektivierbar. Es sind Fältchen da, die markanter werden. Langsam aber unaufhaltsam werde ich weitsichtig, meine Augen sind also nicht mehr so elastisch und anpassungsfähig. Und man kann erste Spuren grauer Haare finden.

Und “die Einschläge kommen näher”, wie ein vor nicht allzu langer Zeit verstorbener Onkel es genannt hat: Verwandte der älteren Generation sind von mir gegangen, die ersten Gleichaltrigen sind immer wieder krank und träumen von ihrer Pensionierung.

Ich muss mir Gedanken machen, welche Ziele ich im Beruf noch erreichen will, und welche ich, ohne Illusionen und Größenwahn, auch erreichen kann. Ich denke darüber nach, ob ich ein Haus oder doch eine Wohnung erwerben soll, die mir und meiner Liebsten auf Dauer Obdach bietet. Oder zumindest doch solange einer von uns beiden noch auf eigenen Beinen stehen kann!

Wie alle Menschen finde ich den Gedanken an das Alter grausam und beängstigend. Das ist nichts Abstraktes mehr, das ist ein Ungeheuer, dessen dumpfe Tritte man schon hören kann, wenn man das Ohr an die Wand legt. Die Wand wird dünner, und das Monster kratzt auf der anderen Seite!

Als Kind hatte ich einen mehrfach wiederholten Alptraum. Ich stand in einer Allee auf den Friedhof von ****, einen Spaziergang von der Wohnung meiner Eltern entfernt. Und ich hörte Schritte, sah eine graue Gestalt, schwankend und mit langsamen, pochenden Schritten auf mich zukommen. Es war eine amorphe, unbeschreibliche Gestalt, und das Pochen war natürlich mein eigener Herzschlag. Die Gestalt deute ich seit langem als den Tod. In meiner Kindheit war er am Beginn des Traumes stets gleich weit entfernt von mir. Und er kam nie wirklich näher, bewegte sich wie auf der Stelle.

In jüngster Zeit plagt mich die Sorge, ich könnte ihn im Traum einmal näherkommen sehen!

Published in: on 12. März 2013 at 13:05  Hinterlasse einen Kommentar  
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Die Demokratie und das Gesetz der Schwerkraft


Die folgenden Zeilen stammen aus einem Kommentar von Christian Ortner (“Wer gegen die Sparpolitik ist, ist gegen die Demokratie in Europa” in der Rubrik “Quergeschrieben”) aus der konservativen Wiener Tageszeitung “Die Presse” (Print-Ausgabe vom 8.März 2013):

“Jeder kleine Kreditnehmer kennt den einfachen Zusammenhang: Solange der Kredit bei der Bank geringfügig und leicht rückzahlbar ist, ist man von ihrem Wohlbefinden nicht abhängig. Wer hingegen bis über beide Ohren verschuldet ist, wird entweder die unerquicklichen ökonomischen „Ratschläge“ der Bank zum Schuldenabbau befolgen – oder pleitegehen.

Staaten unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von ihren Bürgern: Welche Macht ihre Geldgeber über sie haben, hängt weitestgehend davon ab, wie viel Macht sie ihnen durch ihren Verschuldungsgrad einräumen. Wo solide gewirtschaftet wird, herrscht das „Primat der Politik über die Märkte“ ganz automatisch, wo hingegen Schulden bis zum Abwinken gemacht werden, wird die Demokratie früher oder später zwingend „marktkonform“ – oder insolvent.

Wer in der Demokratie für wünschenswert hält, dass der Staat nicht auf Gedeih und Verderb von seinen Gläubigern abhängig und der demokratische Prozess auf diesem Wege suspendiert wird, kann daher logischerweise nur, soweit vorhanden, jenen Politikern seine Stimme spendieren, die glaubwürdig für einen Schuldenabbau stehen. Wer hingegen jene stärkt, die für mehr Schulden und ein „Ende der Sparpolitik“ plädieren, schwächt die Demokratie erheblich. Halb Europa erlebt das gerade.”

Ich mag “den Ortner” eigentlich gar nicht. Sein Stil ist mitunter zynisch, riecht und schmeckt leicht nach Spott für das Menschliche und Soziale, und sein liberaler Markt-Dogmatismus ist mir nicht sympathisch. Aber er hat leider recht. Und seine Analyse ist rund und logisch fehlerfrei. Man kann das Gesetz der Schwerkraft ebensowenig durch demokratischen Mehrheitsbeschluss außer Kraft setzen wie die Tatsache, dass 1 plus 1 gleich 2 ist.

Sparen, das heißt zugeben, dass wir für Jahre, Jahrzehnte, Generationen über unsere Verhältnisse gelebt haben. Auch die Investitionen, das was ich die “quantitative Expansion” nennen möchte, Autobahnen, Wohnbauten, U-Bahnen, sind letztlich Ausdruck einer Übersteigerung, eines ökonomischen und vor allem ökologischen “Lebens über die Verhältnisse”.

Auch wenn Herr Ortner das vermutlich ohne Betonung des “Ökologischen” sehen würde.

Neujahrskonzert


Die Grünen haben eine äußerst seltsame Kontroverse gestartet. Einerseits haben sie damit Recht und treffen einen wunden Punkt der österreichischen Kulturgeschichte. Zum anderen lese ich daraus eine gewisse anarchische Lust am Zerstören von Denkmälern.

Und das Orchester der Wiener Philharmoniker ist zweifellos ein lebendes Denkmal und ein österreichisches Nationalheiligtum. Und daneben eine für die Mitglieder höchst lukrative Institution.

Anlässlich des Neujahrskonzerts 2013, Hochamt der Wiener Musiktradition, der Wiener Philharmoniker hat der grüne Nationalratsabgeordnete Harald Walser mit Recht auf die gerne verschwiegenen Wurzeln dieser Konzertveranstaltung hingewiesen.

Und die sehen etwa so aus:

1933 hatte sich das Orchester mit seinem damaligen ständigen Dirigenten der Abonnementkonzerte und faktischem künstlerischen Leiter, dem Staatsoperndirektor Clemens Krauss, überworfen. Die Wurzeln dieses Streits liegen bis heute etwas im Dunkeln. Vermutlich krachte das nicht gerade kleine Ego von Krauss mit einem Dutzend ähnlich großer Egos der führenden Mitglieder des Orchesters zusammen. Die Philharmoniker haben seither nie wieder einen einzelnen Künstler als ständigen Dirigenten der philharmonischen Abonnementkonzerte akzeptiert.

Clemens Krauss verließ Ende 1934 Wien und schloss einen für seinen weiteren Lebensweg fatalen “faustischen” Pakt mit dem Nationalsozialismus: er wurde ab 1935 musikalischer Leiter der Berliner Staatsoper. Damit sicherte er sich (als österreichischer Staatsbürger) seinen Platz im Rampenlicht der NS-Kulturpolitik (er gehörte zu den drei erklärten Lieblingsdirigenten Adolf Hitlers), wurde aber auch in Intrigenspiele zwischen ehrgeizigen Repräsentanten der NS-Politik hineingezogen. Und den ersten Platz am Pult des Berliner Philharmonischen Orchesters gab sein künstlerischer Rivale Wilhelm Furtwängler natürlich nicht aus der Hand. Krauss war zwar der Geldnot der österreichischen Bundestheaterverwaltung “entkommen”, musste sich aber nun nach der Decke der NS-Ideologie strecken.

Clemens Krauss (1893 bis 1954) zeichnete beruflich ein stetig wachsender Glaube an seine Fähigkeiten als Theaterleiter und Kulturmanager aus. Er hielt sich auf diesem Gebiet offenkundig für genial. Sein anderer Wesenszug war die Überzeugung, dass der Kunst, und da insbesondere der Musik, eine fast sakrale Form der Achtung gebührte. Die Politik hatte der Kunst zu dienen und einem genialen Kunstmanager - also insbesondere ihm – die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Die Einsicht, dass sich die Politik auch der Kunst bedienen konnte, und er letztlich nur ein kleiner, skrupelloser Hampelmann in Hitlers und Goebbels großem Theater blieb, scheint ihm, wenn überhaupt, erst 1945 gekommen zu sein. Die “Kunstzentriertheit” seines Denkens machte ihn blind für alle moralischen Fragen des Dienstes im Sold der Nazis.

Clemens Kraus, wie viele andere Künstler mit und neben ihm, war blind für die Tatsache, dass der Nationalsozialismus keine Regierung “wie andere auch” war. Ein totalitäres Regime versucht die Menschen nicht nur zu beherrschen sondern nach seinen Wunschvorstellungen zu (ver-) formen, während es nicht in sein Schema passende zu vernichten sucht.

Vorläufig glaubte Krauss, den braunen Tiger sicher reiten zu können. 1937 verließ er Berlin, um die Leitung der Oper in München zu übernehmen, die er bis zur Zerstörung des Hauses 1943 und der Schließung aller Theater 1944 nicht mehr aus der Hand gab. Er war anscheinend klug genug, sich, anders als etwa Herbert von Karajan, nicht um die Mitgliedschaft in der NSDAP zu bemühen (jedenfalls gibt es dafür keinen Beweis, wenn auch Gerüchte), doch auch skrupellos genug, seine Verbindungen zu Nazi-Funktionären spielen zu lassen, um seinen Einfluss im Kulturbetrieb zu steigern.

Seit der Machtübernahme der Nazis in Wien 1938 war es das Ziel von Clemens Krauss, wieder die Leitung der Wiener Staatsoper zu übernehmen. Ihm schwebte wohl vor, die Operndirektionen von Wien und München sowie die Leitung der Salzburger Festspiele in seiner Hand zu vereinigen.

Der Anschluss Österreichs an das Dritte Reich bedeutete für den selbstverwalteten Orchesterverein der “Wiener Philharmoniker” das Aus. Er wurde aufgelöst und nach nationalsozialistischer Facon (“Führerprinzip”) neu gegründet. Das heißt, ab sofort hatte das Reichspropagandaministerium bei der Auswahl des Orchesterchefs (“Vereinsführer”), der Dirigenten und der Musiker das letzte Wort. Alle den Nazis aus rassistischen oder politischen Motiven missliebigen Musiker wurde aus dem Orchester ausgestoßen, insbesondere alle Juden. Mehrere jüdische Musiker, darunter der Konzertmeister (1. Geiger) Julius Stwertka, starben im KZ. Und bald tauchte auch der Schatten des 1933 geschassten Clemens Krauss, halb freundlich, halb bedrohlich, am Horizont auf. Als Wiener Operndirektor machte zwar, nach einigen Intermezzi mit reinen Administratoren als Leitern, 1943 Karl Böhm – ein weiterer, jüngerer Rivale für den eifersüchtigen Krauss - das Rennen, am Münchner Impresario führte aber für das Stammorchester der Salzburger Festspiele kein Weg vorbei.

Obwohl Krauss es auch über seine Vertrauensmänner in der NS-Kulturbürokratie bis Kriegsende nicht vermochte, die Wiener  Oper unter seine Kontrolle zu bringen, erzwang er doch eine “Versöhnung” mit dem Orchester. Nach Ausbruch des 2. Weltkriegs entstand dann die Idee eines Konzerts mit “typisch wienerischer” Musik aus Anlass des Jahreswechsels. Es dürfte stimmen, dass so ein Projekt bei Berliner Zentralstellen damals nicht unbedingt auf unbeschränkte Begeisterung gestoßen sein dürfte. Es als Akt der Subversion, ja gar des Widerstands gegen die Vereinnahmung Österreichs zu bezeichnen, ist aber reine Chuzpe bzw. eine Legende der Nachkriegszeit. Die NS-Bürokratie sorgte mit einer dubiosen Geheimaktion selbst dafür, Hitlers Untertanen die Walzermusik der Strauß-Familie zu erhalten. Das Trauungsbuch Nr. 69 der Dompfarre St. Stephan in Wien, aus dem die jüdischen Vorfahren des Walzerkönigs für jedermann ersichtlich hervorgingen, wurde beschlagnahmt, im Berliner Reichssippenamt eine im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie frisierte Kopie angefertigt, und wieder ins Archiv eingereiht. Forscher, von deren Einsichtnahme in das Original man Kenntnis hatte, wurden ins Sippenamt der NSDAP-Gauleitung Wien zitiert und zum Stillschweigen verpflichtet.  Andernfalls hätte die Musik der Strauß-Familie ebenso verboten werden müssen wie die von Jacques Offenbach. Diese Perspektive dürfte den maßgeblichen Wiener Nazis, namentlich dem Gauleiter Baldur von Schirach, als zu kontroversiell erschienen sein. Propagandaminister Goebbels selbst stimmte ihnen in einer Tagebucheintragung zu:

“Ein Oberschlauberger hat herausgefunden, daß Joh. Strauß ein Achteljude ist. Ich verbiete, das an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn erstens ist es noch nicht erwiesen, und zweitens habe ich keine Lust, den ganzen deutschen Kulturbesitz so nach und nach unterbuttern zu lassen. Am Ende bleiben aus unserer Geschichte nur noch Widukind, Heinrich der Löwe und Rosenberg übrig. Das ist ein bißchen wenig”

Und so fand am 31. Dezember 1939 unter der Stabführung von Clemens Krauss zum ersten Mal ein “Außerordentliches Konzert” der Wiener Philharmoniker im Großen Musikvereinssaal statt, das zur Gänze der Musik der Strauß-Dynastie (und deren Zeitgenossen) gewidmet war. Krauss galt zu Recht als der versierteste Interpret dieser Musik unter den zeitgenössischen Dirigenten. Ab 1941 (erstmals am Neujahrstag) dirigierte er das Neujahrskonzert bis zu seinem Tod 1954 ständig, unterbrochen nur durch ein von den Alliierten erzwungenes Auftrittsverbot in den Jahren 1946 und 1947. 1943 erhielt er anlässlich seines 50. Geburtstags den Ehrenring der Wiener Philharmoniker als Ausdruck der Versöhnung zwischen dem Orchester und seinem letzten “Chefdirigenten”.

Das Neujahrskonzert wurde nicht so sehr zum Ausdruck eines “wienerischen”, im Sinne des Nationalsozialismus demnach “provinziellen” und daher harmlosen Kulturverständnisses im Gefüge des Dritten Reiches, sondern eines neu definierten und harmlos ideologisch eingefärbten Österreichertums “post 1945″. Ab 1959 wurde das Konzert als Fernsehübertragung weltweit verbreitet. Bald etablierte sich der falsche aber unwidersprochene Eindruck, es handle sich um eine vom “Walzerkönig” Johann Strauß Sohn selbst begründete Tradition. Krauss selbst symbolisierte die Wende des Kriegsendes in fatal-doppelter Weise: er leitete das letzte (inoffizielle) Konzert der Wiener Philharmoniker unter nationalsozialistischer Herrschaft 1945 ebenso wie das erste im befreiten Wien (auf Wunsch der sowjetischen Besatzungsmacht und als einziger verfügbarer “Stardirigent”). Über das Entnazifizierungsverfahren des Clemens Krauss gibt es meines Wissens bisher so gut wie keine veröffentlichten Dokumente.

Man soll nicht den Stab über Menschen brechen, die unter Umständen Entscheidungen treffen mussten, die weit jenseits dessen liegen, was den Österreichern oder Deutschen des Jahres 2013 zugemutet würde. Was aber auffällt, das ist die Sprachlosigkeit im Kulturbetrieb angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus. Man machte vielfach einfach so weiter, als hätte 1945 bloß eine Wahl stattgefunden, als deren Folge eine neue Regierung ins Amt gekommen wäre. Gerade auf dem Feld der Kunst tat man so, als hätte der Holocaust jenseits des Horizonts stattgefunden.

Eine Sprachlosigkeit, der mit rund fünfzigjähriger Verzögerung und in übernächster Generation eine neue Art von Besessenheit zu folgen scheint.

Segen und oder Fluch?


Eine Sache, um die transsexuelle Menschen nicht herumkommen, und mit der auch eine Tivi sich befassen sollte, ist die geschlechtsangleichende Operation, kurz gaOP genannt (–> Trans…wie? Mittelgroßes TG-Glossar).

Das Thema gaOP ist in der Transgender-Szene wie ein Streichholzkopf. Reibt man daran, fängt es an zu brennen.

Das liegt wohl daran, dass dieses Thema für Transsexuelle unglaublich stark emotionalisiert ist – und dies in gleich mehrfacher Hinsicht:

  • Für viele Transmenschen ist die gaOP das Ziel ihrer Wünsche. Äußert man sich dahingehend, dass sie, nüchtern und rein  medizinisch betrachtet, ein schwerer, ja verstümmelnder Eingriff in die körperliche Integrität ist, provoziert man immer wieder ablehnende Reaktionen.
  • Die Abschaffung des Zwanges, sich einer gaOP zu unterziehen, um eine Änderung seines Geschlechts in der Geburtenbucheintragung zu erhalten, hat die Transgender-Community im Grunde tief gespalten. Gespalten in eine Fraktion, die dies als Sieg gegen staatliche Zwänge sieht – zu der zähle ich mich -, und eine, die darin wohl eine unerwünschte Aufweichung der gefälligst mühsam unter Schweiß & Tränen zu überschreitenden Geschlechtsgrenzen sieht.
  • Nüchtern betrachtet sind die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie, aus einem genetischen Mann auch äußerlich eine Frau oder aus einer genetischen Frau auch äußerlich einen Mann zu machen, noch immer sehr beschränkt. Transfrauen haben es dabei besser als Transmänner, denn bei ihnen besteht zumindest die Möglichkeit, das äußere Erscheinungsbild weiblicher Genitalien täuschend echt nachzubilden. Und Brüste kann man mit Hilfe von Silikon recht gut formen, wenn Hormone nicht genug wirken. Das Ergebnis einer FzM-gaOP wird dagegen nicht ohne Grund bloß als Penoid bezeichnet. Und selbst dafür muss man regelmäßig mühsam Haut und Muskelfleisch transplantieren.
  • Eines der großen Tabus ist das Sexualleben von transsexuellen Menschen post-OP. Ich kenne keine Zahlen, weiß nicht, ob es seriöse Zahlen überhaupt gibt, aber ich tippe darauf, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl von ihnen auch im sexuell aktiven Alter keusch und enthaltsam lebt oder leben muss. Mangelnde Erregungs- und Orgasmusfähigkeit aber auch die simple Schwierigkeit, auf dem Beziehungsmarkt dauerhafte Partner/innen zu finden, dürften daran schuld sein.

Die Diskussion über diese vier Punkte gleicht einem Minenfeld. Ein falsches oder falsch verstandenes Wort, und es wird emotional und/oder persönlich, gekennzeichnet durch Sätze wie: “Du als [hier passende TG-Kategorie einsetzen] verstehst das ja nicht!”

Ich frage mich oft, was ich tun würde, wenn ich mich innerlich ganz von der Männerrolle lösen müsste. Würde ich das Leben als “Mischform”, als Non-OP-TS, als “Frau mit Penis” den gesundheitlichen Risiken und Schmerzen einer gaOP vorziehen? Würde ich mich als Post-OP-TS “vollständig” und “echt” fühlen in einem Körper, der doch teilweise eine künstliche Kreation wäre? Weiß ich überhaupt auch nur annäherungsweise, wie eine transsexuelle Frau emotional tickt?

Als Tivi und Moderatorin bin ich im Transgender.at-Forum schon mehrfach mit dem Vorwurf konfrontiert gewesen, Tivis und Non-OP-Transsexuelle würden “operationswillige” Transfrauen diskriminieren, ins Lächerliche ziehen, ja sinngemäß die natürliche Ordnung der Dinge durch ihre Unentschiedenheit stören. Nur “Operationswillige” sollten ein Recht auf Personenstandsänderung haben, dass dies verfassungsrechtlich nicht mehr möglich sei, sollte bedauert werden. Diese mir fremden Denkweise (–> “Realos”) erinnert mich entfernt an die Verhältnisse im Iran, wo Homosexuelle und Transvestiten staatlicherseits verfolgt werden, Post-OP-Transfrauen aber eine verhältnismäßig respektierte Existenz führen können. In logischer Folge gibt es im Iran eine erstaunlich hohe Zahl an gaOPs und damit Post-OP-TS. Wie viele davon eigentlich schwule Männer sind, die sich vor dem Terror einer falsch verstandenen islamischen Moral unter diesen Schutzschirm geflüchtet haben, um mit einem Mann leben zu können, weiß niemand.

Mich erschreckt nur, wie sehr die Freiheit manche Menschen erschrecken kann.

Warum ich nicht für Barack Obama stimmen würde


Würde ich für Mitt Romney, den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner stimmen?

Sicher nicht. Es gibt zu vieles, was mich in gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Fragen von der konservativen Hälfte des politischen Spektrums der Vereinigten Staaten von Amerika trennt.

Aber es gibt eines, das ich dem amtierenden Präsidenten, bei allen guten Absichten und innenpolitischen( Teil-) Erfolgen nicht verzeihen kann: den Tod von Osama bin Laden.

Es geht hier einerseits nicht um den einzelnen Mann, Osama, seine Verbrechen, seine Schuld und seine Strafe. Ich habe keine Zweifel, dass hier ein Anstifter zum mehrtausendfachen Mord gestorben ist, der nach moralischen Maßstäben den Tod verdient haben könnte.

Denn es ist andererseits unerträglich, dass der andere, Obama, der Präsident des mächtigsten Staates der Erde, seinen Soldaten befohlen haben könnte: “Schnappt euch den Kerl, und wenn ihn – rein zufällig natürlich, in Notwehr oder beim Versuch zu flüchten – dabei eine Kugel trifft, wird keiner nach den näheren Umständen fragen.” Dies alles untermalt von einem unmissverständlichen präsidentiellen Augenzwinkern: “Bringt mir den Kopf von Osama bin Laden!”

Diktatoren befehlen “Justizmorde”, machen sich zu Staatsanwalt, Richter und Henker in Personalunion, demokratische Staatschefs dürfen dies nicht tun!  Nicht, wenn sie einem Staat vorstehen, über dessen oberstem Gerichtshof die Giebelinschrift “Equal Justice Under Law” prangt, dessen Verfassung das Prinzip des “due process of law” (rechtsstaatlichen und fairen Verfahrens) hochhält, so wie es im 6. Amendment (Ergänzungsartikel) der Verfassung der Vereinigten Staaten für den Strafprozess festgeschrieben ist:

In all criminal prosecutions, the accused shall enjoy the right to a speedy and public trial, by an impartial jury of the State and district wherein the crime shall have been committed, which district shall have been previously ascertained by law, and to be informed of the nature and cause of the accusation; to be confronted with the witnesses against him; to have compulsory process for obtaining witnesses in his favor, and to have the Assistance of Counsel for his defence.

In deutscher Übersetzung:

In allen Strafverfahren hat der Angeklagte Anspruch auf einen unverzüglichen und öffentlichen Prozess vor einem unparteiischen Geschworenengericht desjenigen Staates und Bezirks, in welchem die Straftat begangen wurde, wobei der zuständige Bezirk vorher auf gesetzlichem Wege zu ermitteln ist. Er hat weiterhin Anspruch darauf, über die Art und Gründe der Anklage unterrichtet und den Belastungszeugen gegenübergestellt zu werden, sowie auf Zwangsvorladung von Entlastungszeugen und einen Rechtsbeistand zu seiner Verteidigung. (Quelle: Wikipedia)

Nichts davon hat Osama gekriegt. Und Obama hofft unter anderem, als “Sieger” in dieser “Schlacht” im “Krieg gegen den Terror” (eine Kompanie schwerbewaffneter Elitesoldaten hat einen alten Mann und ein paar seiner Begleiter und Leibwächter erschossen) seine zweite Amtszeit zu sichern.

Abseits des kommenden Wahlergebnisses hat er damit jedoch nur eines erreicht: zahlreiche Schweinereien der Regierung von George W. Bush sind nachträglich bestätigt und legitimiert worden: die Vermengung von Kriegsführung und Strafverfolgung, die Verschmutzung des Strafrechts durch das Kriegsvölkerrecht (gemäß dem ein Feind einfach getötet werden darf), die Folterkeller der CIA, die Anhaltelager und die Militärtribunale. Barack Obama hat diese Instrumente und das dazugehörige Klima, erdacht und geschaffen von seinen politischen Todfeinden, einfach skrupellos benutzt. Und er ist jenen damit ähnlich, zu ähnlich geworden.

Die Israelis haben den Kriegsverbrecher und Massenmörder Eichmann im Jahre 1960 in einem erstaunlich hellsichtigen Moment ihrer Geschichte – was keine Selbstverständlichkeit darstellt! – in Argentinien gerade nicht einfach von ihren Agenten per Genickschuss töten lassen. Nein, sie haben ihn, ungeachtet aller Unwägbarkeiten und möglichen außenpolitischen Verwicklungen, mitgenommen und vor ein Gericht gestellt.

Wäre ich Bürgerin der Vereinigten Staaten von Amerika, ich würde wohl weiß oder eine/n der unabhängigen Kandidat/inn/en wählen.

Machiavelli in Grün


Grüne: Willkommen in der Machtpolitik (Joseph Gepp, Falter 41/2012 und Geppbloggt)

Hoch klingt das Loblied von der grünen Machtpolitik!

“Wenn man so will, spiegelt sich im Streit ums Parkpickerl in Wiens Außenbezirken eine Grundfrage der Demokratie wider – jene nach ihrer Handlungsfähigkeit: Wie lässt sich eine Entscheidung durchsetzen, die notwendig, aber unpopulär ist?”

Das ist also das neue Credo grüner Politik. Es geht nicht mehr darum, die Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungen einzubinden. Nein, es geht darum, die eigene Überzeugung durchzusetzen, die – selbstredend - “notwendig” ist,  wenn auch “unpopulär”, leider, leider!

Sonnte man sich früher im Glanz selbstbespiegelter moralischer Überlegenheit, von bösen Zungen als “Gutmenschentum” verspottet, hält man sich nun eher an das zynische Prinzip, das Kardinal Richelieu im 2. Band der “Drei Musketiere” in seiner (Attentats-) Vollmacht für Mylady de Winter ausdrückt:

“Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Inhaber dieses Scheins getan, was getan werden musste.”

Der “Schein”, auf dessen Grundlage die Wiener Grünen nun operieren, das sind jene 12 Sitze im Wiener Landtag, die ihnen die Wählerinnen und Wähler anno 2011 zuerkannt haben. Und jenes Eckerl an tatsächlicher, administrativer Macht, das ihnen die SPÖ überlässt.

Direkte Demokratie, Mitbestimmung, Bürgerbeteiligung? Weit gefehlt! Wie alle, die vom Wein der Macht genascht haben, geben auch die Grünen den von ihnen nun Mitregierten die wohlbekannte Antwort: “Das braucht ihr alles nicht mehr, das ist viel zu mühselig, und ihr habt ja jetzt UNS!”

Und natürlich, wer mich kennt, den wird es nicht überraschen, haben Gepp und die Grünen in der Parkpickerlfrage in der Sache Recht. Diese Dinge sind notwendig, wenn man die Stadt fit machen will für das Zeitalter nach den Verbrennungsmotoren. Aber ich setze darauf, dass sich Vernünftiges und Richtiges auch in einer direkten Demokratie durchsetzt. Vielleicht nicht beim ersten Mal. Vielleicht wäre die ÖVP mit der von ihr angestrebten Volksbefragung auf einer Welle des Populismus durchs Ziel gesegelt und die Ausweitung der flächendeckenden, gebührenpflichtigen Kurzparkzonen mit Anwohnerprivileg (“Parkpickerl”) abgelehnt worden. Aber damit wäre kein Problem gelöst. Die Bürgerinnen und Bürger von Döbling und Währing, deren Bezirksvertretungen sich quergelegt haben, lernen diese bittere Lektion gerade. Und in fünf Jahren hätte man die Bürgerinnen und Bürger dann eben nochmals befragt.

Vielleicht ist es ja so, dass man eher einen Hund eine Knackwurscht bewachen lassen kann, als von Mächtigen erwarten zu dürfen, ihre Macht freiwillig mit den Regierten zu teilen. Bei den Grünen ist der Fall aber tragisch, denn in Wahrheit haben sie eben gar keine Macht. Jedenfalls noch keine, denn die Macht hat, auch und gerade in Wien, wer den administrativen Apparat kontrolliert. Und das sind weiterhin die Sozialdemokraten, sind die ihnen nahestehenden Spitzenbeamt/inn/en, Gewerkschafter/innen und Personalvertreter/innen, das ist jenes Geflecht an Unternehmen, Institutionen und Organisationen, das in Jahrzehnten sozialdemokratischer Alleinherrschaft fest im Umfeld des Magistrats Wurzeln geschlagen hat. Für die alle ist die grüne Mitregentschaft wohl bisher eher ein Intermezzo, das früher oder später durch Abwahl oder Assimilation wieder enden wird. Bisher haben die Grünen hier nur eine von der SPÖ ausgestellte, jederzeit widerrufliche Vollmacht.

Und was die andere Seite jenes “Scheins”, jener Lizenz zur Machtausübung angeht, auf die sich die Grünen berufen können: Machiavellis politische Lehre handelt ja bekanntlich in wesentlichen Teilen davon, wie man die Gunst eines monarchischen Souveräns gewinnt und sich ihm unentbehrlich macht. In einem System der Volkssouveränität würde ich den Mann und seine Lehren daher nicht zu wörtlich nehmen! Am Ende entscheiden dann doch die Bürgerinnen und Bürger.

Das erwachsene Web und eines seiner Opfer


Mit etwas Verspätung hat mich heute die Nachricht erreicht, dass “die Blackbox”, eine von Österreichs ältesten Online-Communitys, mit Ende November ihre Existenz beenden und auf Dauer offline gehen wird.

Da eine mir nahestehende Person den Niedergang der Blackbox als “Regular” (ständiger Diskussionsteilnehmer) hautnah mitverfolgen konnte, darf ich sagen, dass die Entscheidung des Trägervereins, die Mitglieder über den Schlussstrich – die Selbstauflösung – abstimmen zu lassen, logisch und unvermeidlich war. Diese Community ist am Ende ihrer Kräfte, und die zuletzt geführten Diskussionen waren ohne jede soziale Relevanz. Vorbei ist vorbei.

Es waren nicht nur interne Fehlentscheidungen (der viel zu späte Umstieg auf eine zeitgemäße Forensoftware z.B.), die Blackbox ist auch das Opfer einer breiteren Entwicklung geworden. Das Web ist erwachsen geworden, wir benutzen es nicht mehr, wir leben zum Teil darin. Web-Communitys sind inzwischen ein beinhartes, kapitalistisch organisiertes und ausgebeutetes Geschäft geworden. Die Tatsache, dass der Versuch, Facebook als das größte aller “Social Networks” an die  Börse zu bringen, sich bisher desaströs entwickelt, kann daran nichts ändern. Für Amateure wird der Platz knapp, vielleicht ein paar Nischen noch, da und dort.

Die sozialen Netzwerke und Gemeinschaften beanspruchen unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit. Beide letzteren sind endliche Größen. Kleine “Gemischtwarenläden” wie die Blackbox werden die Schlacht um die Aufmerksamkeit der Userinnen und User fast unweigerlich verlieren. Und ohne Aufmerksamkeit sterben sie früher oder später eben.

Mit der Blackbox verliert das liberal-grün-linke Österreich einen kleinen, altbewährten Spielplatz, über den die Zeit einfach hinweggegangen ist.

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