Schläfer, Verblendete und ein Drahtzieher, der im Schatten bleibt


“Die Schlafwandler – Wie Europa in der Ersten Weltkrieg zog” von Christopher Clark (übersetzt von Norbert Juraschitz), gelesen als Hardcover (3. Auflage 2013) aus dem Verlag DVA, ISBN 978-3-421-04359-7

Das für mich vielleicht Interessanteste an diesem Buch ist, wer darin – wie in fast allen Büchern über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs – nicht vorkommt. Fast genau heute vor 100 Jahren, am 16. März 1914, setzte der Ministerpräsident der “im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder” (Österreich, Cisleithanien) jenes innenpolitische Räderwerk in Gang, das in den Krieg führte. Karl Reichsgraf von Stürgkh, ein aristokratischer Grundbesitzer aus der Steiermark, ließ Kaiser Franz Joseph I. jene Entschließung unterschreiben, die faktisch dem seit 1867 währenden Experiment, die österreichischen Länder der Habsburgermonarchie nach demokratischen Regeln zu regieren, ein Ende setzte. Offiziell wurde das Abgeordnetenhaus des Reichsrats nur vertagt. Man kann aber davon ausgehen, dass Stürgkh nicht die Absicht hatte, die Volksvertreter, solange er im Amt war, je wieder zu versammeln.

Natürlich war Stürgkh klar, dass er sich auf Dauer bei diesen Verhältnissen schwer an der Macht halten konnte. Solange er das Vertrauen des Monarchen hatte, konnte er seine Kabinettskollegen, deren Unterschriften er unter dem Text neuer Notverordnungen brauchte, auf Linie halten. Aber da war die Frage, ob man ohne Gesetzesbeschluss des Reichsrats ein Budget erstellen konnte? Und was würde geschehen, wenn etwa die Sozialdemokratische Partei, deren politische Kampagnen für das allgemeine gleiche Wahlrecht in den Jahren 1905 bis 1907 wesentlich zu dessen Einführung beigetragen hatten, wiederum tausende Arbeiter zu Demonstrationen gegen die Diktatur des Ministerpräsidenten auf die Straße rief? Würde der greise Kaiser im Fall der Fälle das Standrecht verhängen und das Militär gegen das Volk schicken, so wie es der russische Zar im Jahr 1905 getan hatte?

Karl Reichsgraf von Stürgkh (1859 bis 1916) Quelle: Wikimedia Commons

Karl Reichsgraf von Stürgkh (1859 bis 1916) Quelle: Wikimedia Commons

Das waren Fragen, über die man im Wien des Frühjahrs 1914 mehr oder weniger laut diskutierte. Viel bezeichnender war aber, dass Stürgkhs Diktatur auf so wenig Widerstand stieß. Das 1907 und 1911 demokratisch gewählte Parlament hatte sich als Tollhaus erwiesen, als amorphe Männermasse ohne Richtung, ohne Disziplin, ohne fassbare Mehrheiten und ohne sozialen Zusammenhalt. Es tat sich durch andauernden Streit (bis zu Handgreiflichkeiten im Plenum), Schreiduelle, Filibusterreden und wechselseitige Obstruktionen (z.B. das berüchtigte “Pultdeckelkonzert”, bei dem man durch Klappern die Reden gegnerischer Mandatare störte)  hervor. Man verstand verbreitet, dass ein Regierungschef auf solche Leute weder bauen, noch von ihnen abhängig sein wollte.  Immer mehr verbreitete sich die Ansicht, dass ein Vielvölkerstaat wie Cisleithanien nicht demokratisch reformiert sondern bestenfalls, nach dem Rezept Bismarcks der Jahre 1864 bis 1871, durch Blut und Eisen zusammengeschweißt oder auch nur zusammengehalten werden konnte. Man hasste in Cisleithanien die Ungarn für ihren nationalen Egoismus, bewunderte sie aber gleichzeitig für die Effektivität,  mit der sie die Interessen der magyarischen Eliten bündelten und durchsetzten.

So schwor man in Österreich, unbewusst und Stück für Stück, der Demokratie ab und begann, in einem Krieg eine praktikable Lösung der inneren und äußeren Probleme des Reichs zu sehen. Demokratie war keine Lösung. Sie hatte ihre Chance gehabt und versagt. Demokratie schien vielmehr das Problem zu sein. Die Lösung, das war in den Augen vieler eben “Blut und Eisen”, oder, wie es eine andere, vielfach variierte Phrase ausdrückte: “Lieber ehrenvoll im Kampf zu Grunde gehen als bei lebendigem Leib verfaulen!”

Auch Clark widmet Stürgkh nur ein paar Zeilen und der innenpolitischen Lage der Habsburgermonarchie eine oberflächliche Analyse. Ich war, wenn ich ehrlich bin, von seinem Buch, das mit vielen Vorschusslorbeeren auf mein Lesepult gekommen ist, leicht enttäuscht. Vielleicht nehme ich als Österreicherin Österreich auch zu wichtig, aber ich kann Clarks Befund als Historiker, dass die österreichisch-ungarische Monarchie nicht dem Tode geweiht war, und die Ursache des Ersten Weltkriegs in einer Kaskade strategischer Fehleinschätzungen im Viereck Deutschland-Russland-Großbritannien-Frankreich zu suchen ist, nicht ganz teilen. Aus meiner Sicht hatte Österreich-Ungarn den Finger am Abzug. Das Geflecht der Militärbündnisse war so straff gespannt, und das Räderwerk der strategischen (Angriffs-) Pläne so unerbittlich, dass man am Wiener Ballhausplatz die Folgen eines Angriffs auf Serbien durchaus berechnen konnte. Also haben wir da folgende Faktoren:

  1. Österreich-Ungarn als zerfallende Großmacht, davon Cisleithanien mit einer Regierung in einer schier ausweglosen innenpolitischen Sackgasse, ein Staatengebilde mit unübersehbaren suizidalen Neigungen.
  2. Die Armee der Habsburgermonarchie mit ihrer abgehobenen, sozialdarwinistisch geprägten Offizierskaste, deren Denkweise der Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, der Apologet eines “Präventivkriegs”, perfekt verkörperte.
  3. Eine Oberschicht, die insgesamt – aus der Erfahrung der Jahre 1864 bis 1871 heraus – dem Axiom anhing, dass Deutschland überlegen, allmächtig und unbesiegbar war, dass also ein Krieg an der Seite Deutschlands ein Krieg auf der Siegerseite sein musste.

Natürlich hätte Deutschland Österreich-Ungarn in den Arm fallen können. Natürlich hätte Russland Serbien seine Unterstützung versagen und es so zu einer Kapitulation vor der Habsburgermonarchie nötigen können. Natürlich hätten Frankreich und Großbritannien Russland in die gleiche Richtung drängen können. Doch warum? Der Punkt ist, dass wir über die Schrecken des Ersten Weltkriegs Bescheid wissen. 1914 konnten sich höchstens fantasiebegabte Militärs mit aktuellen Kriegserfahrungen (also etwa Militärbeobachter aus dem russisch-japanischen Krieg von 1904/1905) die Schrecken eines Grabenkriegs unter Einsatz moderner Waffen vorstellen. Alle anderen sahen einen Krieg als ehrenhaftes und mehr oder weniger unvermeidliches Ereignis, als eine Art von reinigendem Gewitter.

Und so geschah es.

Und Graf Stürgkh? Der saß mit am Tisch, als der gemeinsame Ministerrat der Habsburgermonarchie jeweils das Ultimatum und die Kriegserklärung an Serbien beriet und beschloss. Aber die Schuld am Krieg, die sucht Clark, wenn schon, dann eher beim k.u.k. Außenminister Graf Berchtold oder bei General Conrad, nicht jedoch bei der formellen Nummer Zwei der politischen Hierarchie des Habsburgerreiches. Ich wundere mich immer wieder, wie der Mann es geschafft hat, als Schatten durch die Weltgeschichte zu huschen! Seine Ende war spektakulär und seiner Rolle irgendwie angemessen. Am 21. Oktober 1916 streckte ihn der Linkssozialist Friedrich Adler, der ihm beim Mittagessen in einem belebten Restaurant in der Wiener Innenstadt aufgelauert hatte, mit mehreren Schüssen aus einem Revolver nieder. Kaiser Karl wagte es nicht mehr, Friedrich Adlers Todesurteil vollstrecken zu lassen. 1918 begnadigte er ihn sogar und ließ ihn aus dem Gefängnis entlassen.

Und, ja, lesen sie Clarks Buch, es ist nüchtern geschrieben und bietet doch ein paar neue Perspektiven. Und verzeihen sie ihm bzw. den deutschen Übersetzern kleine Fehler wie den Fluss “Leithe” oder die mehrfache Verwechslung des britischen Ersten Seelords (1914 der ranghöchste Admiral und strategischer Führer der Royal Navy) mit dem Ersten Lord der Admiralität (politischer Chef der britischen Flottenverwaltung, 1914 ein Amt mit Kabinettsrang und von Winston Churchill bekleidet). Falls sie ein wirklich gutes und fesselndes Buch über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs lesen wollen, greifen sie zu Robert K. Massies “Dreadnought” (deutscher Titel: “Die Schalen des Zorns”), der die wichtigsten Wurzeln des Krieges in der Entfremdung zwischen Deutschland und Großbritannien und dem Flotten-Wettrüsten beider Nationen zwischen 1898 und 1914 erkennt.

Das Comeback des Bären


Er ist wieder da! Mischa, der gefräßige russische Bär, der sich über die Ukraine hermacht und drauf und dran ist, die Halbinsel Krim militärisch zu besetzen. So erlebt ein altes Klischeebild sein internationales Comeback. Denn aus meiner Sicht bestehen keine Zweifel, dass die mysteriösen aber militärisch bewaffneten und gedrillten Milizionäre, die an mehreren Orten auf der Krim aufgetaucht sind, im Auftrag der Regierung der Russischen Föderation operieren (wenn es nicht ohnehin russische Geheimdiensttruppen oder Militäreinheiten ohne Abzeichen sind). Moskau prüft offenbar den Puls des Westens und die Temperatur der Schmelzmasse nach der “Kernschmelze” der Regierung seines ukrainischen Verbündeten Viktor Janukowitsch. Es ist eine hochbrisante Krise, denn noch ein paar Vorstöße Moskaus, ein paar hitzige Provokationen ukrainischer Nationalisten mehr, und die zwei größten Flächenstaaten Europas befinden sich in einem Schießkrieg. Am Abend des 2. März 2014 hat die provisorische Regierung der Ukraine die Mobilisierung von Reservisten angeordnet. Das sieht alles sehr böse und sehr gefährlich aus!

Ich möchte ein paar Thesen aufstellen, die nicht alle glücklich machen werden, die aus der mitteleuropäischen Kaffeehausperspektive die Krise zwischen Kiew, Moskau und Sewastopol beobachten.

  1. Die Ukraine gehört als ehemalige Sowjetrepublik (und Noch-/Halb-Mitgliedstaat der als Schatten ihrer selbst immer noch existierenden UdSSR-Nachfolgeorganisation GUS – Gemeinschaft unabhängiger Staaten) zur Interessensphäre Russlands.
  2. Russland wird jeden Versuch, die Ukraine zum EU- oder gar zum NATO-Mitglied zu machen, als aggressiven Akt betrachten und entsprechend darauf antworten. Es wäre daher geboten, jeder ukrainischen Regierung unmissverständlich klarzumachen, dass solche Ziele Illusionen sind.
  3. Das einzige handfeste Interesse, das die Staaten West- und – ganz besonders – Mitteleuropas (und mit ihnen ihr konföderativer Staats-Golem namens EU) an und in der Ukraine haben, ist die Sicherung der Gasversorgung aus Russland. Die “Gaskarte” kann dabei sowohl von Russland (als dem Herren über die wichtigsten Gasfelder) als auch von der Ukraine (als der Herrin über die wichtigsten Transit-Pipelines) gespielt werden.
  4. Die russische Minderheit in der Ukraine hat moralischen Anspruch darauf, dass ihre Rechte auf Sprache und kulturelle Identität durch den ukrainischen Staat respektiert und international garantiert werden.
  5. Die Grenzen der Ukraine wurden zu Sowjetzeiten (“Schenkung” der Krim an die Ukraine unter Chruschtschow 1954) teils willkürlich gezogen. Sie sind aber – auch durch Russland (Budapester Memorandum von 1994, die Ukraine übergab im Gegenzug die auf ihrem Territorium befindlichen früheren sowjetischen Atomwaffen an Russland) – völkerrechtlich anerkannt und können ohne massiven Bruch des Kerns der Völkerrechtsordnung nicht durch zwischenstaatliche Gewalt verändert werden.
  6. Einvernehmliche Grenzänderungen nach entsprechender demokratischer Legitimierung (etwa einer Volksabstimmung unter internationaler Überwachung) sollten jedoch kein Tabu sein.

Darüber nachdenken und verhandeln, die Aggression Russlands kalt akzeptieren, oder das Risiko eines Rückfalls in die Zeiten des Kalten Krieges eingehen. So sieht es ungefähr aus.

Ein paar Meter Schienen


Am letzten Februartag des Jahres 2014 endet auch der Betrieb auf der Wiener Straßenbahnlinie 67 zwischen der Alaudagasse und Oberlaa – Therme Wien. Die Tramwaygleise werden dort weggeräumt, um die Trasse für die Verlängerung der U-Bahnlinie U1 schnell und kostengünstig errichten zu können. Der Rest vom Reumannplatz bis zur Alaudagasse (hier ist die Auslastung zu groß, um die Tramway sinnvoll durch einen Bus ersetzen zu können) fällt dann mit Eröffnung der U1 bis zur Therme Wien.

“Na, bumm, jetzt is in Peking aber grad wieder a Fahrradl umg’fallen!”, werden sie jetzt vielleicht ironisch bemerken.

Ein paar Meter dieser Schienen – genauer sind es die etwa 2 x 1800 Meter von der Haltestelle und Umkehrschleife Rothneusiedl bis zur Endstation Oberlaa – Therme Wien – haben eine sehr wichtige und symbolische Bedeutung für die Wiener Verkehrsgeschichte.

Mit der Eröffnung dieser Strecke in den Jahren 1972 und 1974 wurde das Netz der Wiener Tramway nach einer stetigen Serie von Demontagen in den Jahren 1959 bis 1970 zum ersten Mal mit nachhaltiger politischer Rückendeckung und entsprechendem Tamtam wieder erweitert. Den Anlass bot die von der Stadt Wien auf dem Gelände der ehemaligen Lehmgruben der Wienerberger Ziegelwerke am Laaerberg veranstaltete Wiener Internationale Gartenschau 1974 (WIG 74).

Genau 40 Jahre lang konnte man mit der Tramway nach Oberlaa fahren, zuerst vom 18. Februar 1974 bis zum 24. Februar 1978 mit der Linie 167 ab Kärntner Ring – Oper, dann ab 25. Februar 1978 (Eröffnung der U1) mit dem als “U-Hakerl” geführten 67er ab Reumannplatz (dessen anderer Südast wurde im Laufe der Zeit von der Haltestelle Raxstraße – Rudolfshügelgasse über den Frödenplatz bis zur heutigen Endstation Otto-Probst-Platz verlängert).

Nun wird das bald Geschichte sein. Dafür bekommen wir ab 2017 einen weiteren sehr teuren und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schwach ausgelasteten U-Bahn-Abschnitt am Stadtrand. Natürlich sollte man den Nutzen einer durchgehenden Nord-Süd-U-Bahnline U1 nicht nur rein ökonomisch messen. Aber es tut allen politischen Schaumschlägern in der rot-grünen Stadtregierung gut, wieder einmal daran erinnert zu werden, dass die im letzten Oktober verlängerte Tramwaylinie 26, die vom ersten Tag an sehr gut ausgelastet war, im Vergleich mit der derzeit halb leer und in großen Intervallen fahrenden, gleichzeitig eröffneten U2-Verlängerung Aspernstraße – Seestadt eine Pi x Daumen geschätzte vier- bis fünffach bessere volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Relation aufweist.

Die Tramway ist nun einmal, von den wenigen Fällen abgesehen, in denen die Transportleistung einer U-Bahn wirklich benötigt wird, das ideale Stadtverkehrsmittel. Das ist keine Schwärmerei oder Nostalgie sondern die Schlussfolgerung aus technischen, planerischen und ökonomischen Fakten.

Was statt vernünftiger Lösungen kommen wird ist Folgendes: die Wiener Linien werden, kurz nachdem der letzte Wagen des 67ers bis zur Alaudagasse gerollt ist, einen Teil des Areals des Betriebsbahnhofs Favoriten an ein Wohnbauunternehmen verkaufen, damit schon rein wegen der reduzierten Abstellkapazitäten keine Möglichkeit mehr besteht, das Straßenbahnnetz im Süden Wiens wieder zu erweitern. Pläne, etwa den östlichen Ast des 67ers vom Reumannplatz über die Laaerbergstraße bis in den alten Dorfkern von Oberlaa neu zu bauen, scheinen schon auf Eis gelegt worden zu sein.

Politiker möchten eben keine rationalen Lösungen, die komplizierte Erklärungen und harte Diskussionen erfordern. Dafür gibt es keine Rückendeckung und kein “Vorwärts!”-Signal. Sie möchten einfach das weitermachen, was ihnen seit gut 40 Jahren den Applaus von den Rängen sichert.

Nur ein Staatsbankrott würde daran wohl etwas ändern.

Ich mag keine Kinderkasernen!


Wenn es etwas gibt, was mich an der aktuellen Diskussion über Schulen, Schulreformen und Erziehungspolitik irritiert, ja abstößt, so ist es die völlige Ignoranz der Frage, ob Kinder nicht auch Freiheit brauchen.

Es wird alles strikt aus der Perspektive der Eltern, speziell der Mütter gesehen. Kinder sollen schnell aus dem Haus und unter staatliche Obhut, damit Mutter und Vater sich selbst verwirklichen oder möglichst viel Geld verdienen können. Kinder sollen die Lebensplanung der Eltern nicht beeinträchtigen.

Wer dazu auch betont links denkt, der hält meist den Staat mit seinen Lehrern und Erziehern ohnehin für besser geeignet, dem Kind ein passendes Weltbild zu vermitteln.

Daher heißt es leichtfertig: her mit der Kindergartenpflicht ab zwei Jahren, her mit der Ganztagsschule, es lebe die Kinderkaserne, es lebe das Zwangskollektiv!

Hat eigentlich jemand darüber nachgedacht, dass Kinder und vor allem Jugendliche auch das Recht haben, sich individuell zu entfalten, allein zu sein, sich Gruppendruck und Gruppenritualen zu entziehen? Man möge mich steinigen, wenn ich hier einen auch zutiefst konservativen Standpunkt vertrete, aber wie kommt der Staat dazu, Eltern und Kindern vorzuschreiben, dass sich ein junger Mensch von morgens bis abends unter Aufsicht von Staatsorganen, Lehrer genannt, in einem sozialen Biotop namens “Klassengemeinschaft” aufzuhalten hat?

Bildung ist wichtig und unentbehrlich, Schule kann wertvoll sein, aber ihr Gewicht darf nicht übermächtig und erdrückend werden! Hätte ich im Alter von zehn bis sechzehn Jahren nicht täglich die Aussicht gehabt, spätestens um zwei Uhr das Schulgebäude verlassen und dem verhassten Zwangskollektiv entfliehen zu können, ich würde dies heute nicht schreiben, denn ich hätte mich mit hoher Wahrscheinlichkeit umgebracht. Was mich am Leben erhalten hat, das war eben dieser Freiraum. Das ist meine Erfahrung.

Es ist gut und richtig, wenn der Staat Eltern die Möglichkeit gibt, Kinder in Betreuung zu geben, um einen Beruf auszuüben. Aber es ist eine Sünde gegen das Grundrecht auf Freiheit, und es ist meiner tiefsten und inbrünstigsten Überzeugung nach daher grundfalsch, wenn er Kinder zum ganztägigen Schulbesuch verpflichtet oder Eltern zwingt, schon die Kleinsten in einen Kindergarten zu geben.

“Aber es gibt doch so viel, was Kinder lernen müssen!”, sagen sie? Weg damit, abräumen den ganzen Krempel, diese aufgeblasenen Lehrpläne, in die lehrerische Wichtigtuer Jahr für Jahr eine neue Schicht an “unverzichtbarem Wissen” packen!

Nichts davon kann die Kasernierung von Kindern rechtfertigen. Es lebe die Freiheit!

Schnee, Schnee, Schnee


Ich brauche Schnee! Kein Winter ohne Schnee! Ich liebe Schnee. Wenn es etwas gibt, was mich am klimaveränderten Wetter verzweifeln lässt, so sind es nicht die heißen Sommer sondern die schneearmen Winter. Diese Parodien von einem Winter, diese lauwarmen, letscherten Bankerte, halb Herbst und halb Winter, diese Winter wie der heurige.

Hier in Wien sind Mitte Jänner vereinzelt schon wieder blühende Stäucher zu sehen. In Kitzbühel mussten sie den Schnee zur Präparierung der Hahnenkammabfahrt bis gestern tonnenweise mit Hubschraubern einfliegen. Das finde ich traurig. Ich kann die Frage nach der Ursache, und wer die Schuld zu tragen hat, nicht beantworten. Aber all das spricht zu mir und sagt, dass da etwas nicht stimmt.

Der Wetterbericht lässt gerade Hoffnung aufkommen. Die Temperaturen sollen sich in den nächsten Tagen um den Gefrierpunkt bewegen, und morgen soll es in den Alpen schneien. Auch in Wien? Bitte ja, liebes Wetter, begrabe die Stadt wenigstens für ein paar Stunden unter einer dichten weißen Decke! Lass es schneien, lass die Stadt widerhallen von den Flüchen schneeschaufelnder Hausmeister und dem ständigen Ding-a-Dong-knacksknacks-Sehr-geehrte-Fahrgäste der Störungsansagen der Wiener Linien! Was macht das schon aus? Ich möchte weiße Flocken sehen, am besten ganz feine, die wirbeln wie ein Sandsturm, die Boten einer Kaltfront.

Wenigstens einmal in diesem Winter, in diesem Jahr, bitte!

Published in: on 23. Januar 2014 at 23:06  Kommentare (3)  
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Der alte Pirat und Käpt’n Mick


Life von Keith Richards (mit James Fox), gelesen als Hardcover (1. Auflage 2010) in englischer Sprache aus dem Verlag Little, Brown and Company, ISBN 978-0-316-03438-8 (hc)

Man kann es Memoiren nennen, mit viel Nachsicht auch eine Autobiografie. Keith Richards, Mitgründer und Gitarrist der Rolling Stones, der (Eigendefinition) “Greatest Rock & Roll Band in the World”, ist, soviel steht fest, ein für die Musikgeschichte höchst bedeutender Mann. Recht erstaunlich, da er nach eigenem Eingeständnis nur ein mittelguter und keinesfalls virtuoser Gitarrenspieler und ein auf das Minimalistische konzentrierter Komponist bzw. Songschreiber ist.

Seit seinem kleinen Auftritt als Vater des von Johnny Depp gespielten Piraten Jack Sparrow in “Pirates of the Carribean: On stranger Tides” (2011) ist Keith Richards für viele einfach nur “der alte Pirat”. Und die Rolle des Freibeuters, des Gesetzlosen, war schon immer Teil seines Selbstbildes. Er war Keith der Bürgerschreck, der Gitarrist der “Anti-Beatles”, Keith der Häf’nbruder (er brummte nach einer Drogenrazzia tatsächlich kurz im berüchtigten Gefängnis von Wormwood Scrubs, bis ihn die Anwälte der Stones wieder rausholten), Keith der Drogenjunkie und Keith das Frontschwein im “3. Weltkrieg” (Jagger contra Richards).

Richards Selbststilisierung zur “harten Sau” entbehrt nicht einer gewissen zwinkernden Selbstironie, denn im Grunde ist der Mann ein ausgesprochenes Glückskind, das bei jedem Spiel mit dem Feuer dem Flammeninferno um Haaresbreite entkommen und bei jedem Sprung ins Ungewisse weich gelandet ist. Seit Ende der 1960er war er als Mitglied einer der weltweit erfolgreichsten Bands aller Zeiten finanziell abgesichert, wenn er fiel, stand also stets ein Geldhaufen bereit, um den Fall abzufedern. So meint Keith selbst, die Zeit der Heroinabhängigkeit (ca. 1970 bis ca. 1980) vor allem deshalb überlebt zu haben, weil er sich dank gut gefüllter Brieftasche fast immer reinen Stoff von bester Qualität besorgen konnte.

Man darf sich von diesem Buch keine tiefschürfenden oder neuen Erkenntnisse über die Geschichte der Stones erwarten. Keine neuen Fakten oder Gerüchte über den Tod von Band-Mitgründer Brian Jones etwa. Interessant sind in Bezug auf die Bandgeschichte vor allem die Ansichten eines der “Kriegsteilnehmer” zur Person, zum Charakter und zu den Allüren des kreativen Partners und ewigen Reibebaums Mick Jagger. Anfang der Achtzigerjahre, als Keith Richards nach jahrelangem Dauer-Drogenrausch den Heroin-Entzug schaffte und wieder an der Leitung der Band beteiligt werden wollte, führte das zum Bruch der Freundschaft zwischen ihm und Jagger und um Haaresbreite zur Auflösung der Rolling Stones. Auf den betreffenden Seiten erfährt man einiges von alten Wunden und kaum aufgefüllten Gräben, und man sieht klar den charakterlichen Unterschied zwischen dem im Grunde gemütlichen Bühnen-Piraten, Salon-Anarchisten und, ja, Bonvivant Richards und dem ehrgeizigen, nervösen, stets nach dem Zeitgeist haschenden Sportlehrersohn und Ex-Wirtschaftsstudenten Jagger. Irgendwo in diesem Spannungsfeld muss aber auch das Erfolgsgeheimnis der Rolling Stones und des Songwriter-Duos Jagger & Richards liegen.

Den Kampf um den Platz des Kommandanten auf dem Achterdeck der Fregatte “The Rolling Stones” hat der alte Pirat gegen Käpt’n Mick wohl glatt verloren, denn an der kritisierten Ausrichtung der Band auf hochpreisige Großveranstaltungen ist auch nach dem “3. Weltkrieg” nichts mehr geändert worden. Und, auf Piratenehre, jede Golddublone, die Käpt’n Micks Entermesser aus den Geldbeuteln der Fans und Sponsoren zu kitzeln wusste, wurde ja auch brav geteilt!

Keith Richards Stärke als Autor (bzw. die seines Co-Autors) ist das Anekdotische. Er versteht es sozusagen bestens, launigen Seemannsgarn zu spinnen. Man darf nur nicht alles für bare Münze nehmen. So wird die Welt wohl nie die ganze Wahrheit darüber wissen, wie das mit der Asche seines Vaters war. Manche vieldiskutierten Tratschereien, wie Richards Bemerkungen über die Größe von Mick Jaggers Penis, sind allerdings an mir völlig vorbeigegangen (obwohl ich das Buch – auf Englisch – sehr langsam und sehr aufmerksam gelesen habe). Manches hinterlässt einen Eindruck von Ehrlichkeit, manches wirkt wie Aufschneiderei, witzig und unterhaltsam ist es (fast) immer.

Wer nichts von der Geschichte der Rolling Stones und der Rockmusik zwischen 1962 und 1982 (dem Zeitraum, in dem man die Rolling Stones als stilbildend bezeichnen kann) weiß, der wird dieses Buch wahrscheinlich weder verstehen noch für witzig halten. Alle anderen werden sich amüsieren.

Das Jahrhundert aus Dampf, Stahl und Strom


Am Neujahrsmorgen 2014 geschrieben.

2014 werden wir des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 gedenken. In diesem Jahr endete, geistig und als Geschichtsepoche, das 19. Jahrhundert.

Begonnen hat es, so jedenfalls meine Lesart, mit dem Wiener Kongress 1815. Wo die Mächtigen Europas das Fundament für eine feste, konservative Weltordnung legen wollten. Daraus wurde bekanntlich nichts.

Das 19. Jahrhundert ist für mich die faszinierendste Geschichtsepoche. Alle Probleme unserer Zeit wurzeln in ihr. Die Menschen des 19. Jahrhunderts erfanden die technologische Hybris, den Fetisch beständigen Wachstums und die Möglichkeit der haltlosen Ausbeutung der fossilen Energiereserven des Planeten Erde. Sie erforschten die Natur und überwanden Gott und sämtliche metaphysischen Schöpfungsmythen durch die Erkenntnis, dass der Affe nicht neben dem Menschen geschaffen wurde sondern in einer genetischen Linie vor dem Menschen liegt. Aus der Evolutionstheorie folgte der grausame Fehlschluss, dass das Stärkere immer das Bessere sein muss und jeder Verlierer, egal ob Art, Klasse, Nation oder Individuum, nach den Naturgesetzen zum Untergang verdammt ist und kein Erbarmen verdient. Hier finden wir die neuen geistigen Grundlagen oder Wurzeln von Kolonialismus und Rassismus.

Es ist der Dampf, der jenes Jahrhundert kennzeichnet. Unzählige Schlote und Rauchfahnen, Eisenbahnen und Dampfschiffe, das beständige Pochen immer größerer und kraftvollerer Maschinen, funkenumloderte Hochöfen, kreisende Räder, tickende Telegrafen, am Ende dann die unsichtbare, geheimnisvoll summende Macht der Elektrizität und der  universell einsetzbare Verbrennungsmotor.

Dazu ein Tsunami des Wissens und der Information, Telegraf, Telefon, täglich gedruckte Zeitungen, Bücher in gewaltiger Auflage.

Letztlich wurden alle Chancen vergeben und alle Risiken verwirklicht. Rückblickend betrachtet wurden im 19. Jahrhundert die Schwerter geschmiedet, mit denen sich die Menschheit seit 100 Jahren selbst verstümmelt.

Am Beginn das 20. Jahrhunderts, als viele meinten, dass die Mühen der Ebene überwunden waren, folgte dann der Fall – und mit ihm eine neue Epoche.

Sie sind großteils mit Optimismus erwacht und an ihr Tagewerk gegangen, die Menschen des 1. Jänner 1914.

Mit welchen Gefühlen erwachen wir heute?

Prosit 2014!

Published in: on 1. Januar 2014 at 10:13  Kommentare (1)  
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Weil es so Brauch ist….


…und weil ich keine Spielverderberin sein möchte!

Weil es einfach schön ist, wenn viele Menschen sich freuen und die Hektik Pause hat!

Weil ich nicht auf die vergessen möchte, denen es nicht so gut geht, oder die heute einsam sind!

Weil man nie weiß, was morgen kommt, und ob die Vergangenheit nicht bald ein rosaroter Glorienschein ziert!

Wünsche ich allen Menschen (und damit auch ganz besonders meinen Leserinnen und Lesern)

 

Frieden auf Erden und fröhliche Weihnachten!

Published in: on 24. Dezember 2013 at 18:06  Hinterlasse einen Kommentar  
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