Bin ich peinlich?


Gestern abend war ich mit meiner Freundin (im alten Blog hat ihr einst eine Freundin den Spitznamen „Vierstern“ verpasst, bei dem bleibe ich auch) in einem Konzert. Wir hatten schon am Vortag einen kleinen Streit um die Frage, ob ich als Mann oder als Frau hingehen soll. Wir haben beschlossen, die Sache zu überschlafen. Am gestrigen Vormittag hat sie dann telefonisch ihr o.k. gegeben.

Gut, der kleine Fehler, den ich gemacht habe, war, dass ich mal wieder die supersexy Überdrüberfrau sein wollte. So sind wir Tivis eben manchmal. Wir outrieren ganz gerne. Wir möchten immer wieder auffallen, ein bisserl provozieren, auch um den Preis, hie und da ein spöttisches Lächeln zu ernten. Weiß Gott nicht immer, aber eben doch.

Dieses Bild gibt einen ungefähren Eindruck von meinem gestrigen Outfit (selber Rock aber ohne rote Netzstrümpfe, statt der Bluse ein enges blau-weißes Top ohne BH):

Tanja im Nachtbus N71, August 2010 (c) XXL

Als ich so in ihrer Wohnung eintreffe, bereut sie ihr Einverständnis, mit Tanja auszugehen, sichtbar auf der Stelle. Es folgt eine ziemlich unschöne Zankerei, mir wird vorgeworfen, ich sähe wie eine Dame vom Strich aus, jeder würde sie – wohlgemerkt: sie, nicht mich! – auslachen oder schneiden. Mein Aussehen sei überhaupt skandalös und unanständig. Man würde mir unter den Rock schauen können – na toll, erstens hat’s nicht ganz gestimmt, und die Aussicht, dass jemand mein Höschen oder gar die Intimzone zu sehen kriegen könnte, erschüttert eine/n geeichte/n Sauna- und FKK-Strandbesucher/in natürlich bis aufs Mark! Dann ihre sinngemäße Schlussfolgerung: „Ohne mich!“ Erst nach langer Diskussion kann ich sie dann doch zum Mitkommen überreden.

Und natürlich war gar nix. Die Musik war gut, die Stimmung auch. Die Freunde und Bekannten, die wir getroffen haben (die Mehrheit eh schon in das Mike-Tanja-Doppelspiel eingeweiht), haben uns nicht geschnitten, keiner hat mich verspottet, manche haben vielleicht gelächelt, ein paar Menschen des Typs „geile alte Männer“ haben mir, according to Vierstern, „lüstern“ nachgeschaut (sie sieht komischerweise anscheinend mehr von diesen Typen als ich! ;-)). Das ganz normale Bouquet von Reaktionen, mit denen sich ein Crossdresser so üblicherweise konfrontiert sieht, ganz gleich ob in der Oper, beim Einkaufen oder bei einem Boogie-Woogie-Konzert  weit draußen in der Vorstadt.

Bleibt die Frage in der Überschrift. Nein, nie und nimmer! In meiner doch schon mehrjährigen „Karriere“ als Out-of-the-closet-Tivi hat es sicher schon Momente gegeben, in denen ich mich für schlechtes Make-up, ungeschickt kombinierte Kleidungsstücke oder ungeschickt-stolperndes Gehen in neuen hochhackigen Schuhen geniert habe. Aber „peinlich“ sein, das heißt doch, anderen durch Benehmen oder Aussehen Schmerzen und Schande zu bereiten. Für Vierstern hat das, was die Schmerzen angeht, gestern vielleicht sogar gestimmt. Aber das ist sehr individuell und subjektiv. Und ich werde mich nicht für das entschuldigen, was ich bin. Ich akzeptiere, dass mich vielleicht nicht jede/r mag. Das ist bedauerlich aber nicht zu ändern.

Wir werden wohl Lehren aus dem gestrigen Abend ziehen. Meine sollte wohl sein, dass ich mehr daran denke, wie meine Kleidung auf Menschen wirkt, die ich liebe und die mir sehr nahe stehen. Ihre sollte sein, dass sie eben die Freundin eines Transvestiten ist und dazu stehen muss.

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Published in: on 2. April 2011 at 13:41  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. hallo Mike-Tanja!

    von mir mal den ganz dicken großen daumen für die fortsetzung deiner zeilen zwischen x und y … ich freu mich total, dass ich weiterhin von dir lesen kann … ich finds auch immer wieder spannend, einblicke in eine partnerschaft bzw. generell in ein leben zu bekommen, das nicht so ganz „der norm“ entspricht … und das mein ich jetzt nicht im geringsten negativ … ganz im gegenteil, es interessiert mich und da ich eher nicht der (mutige) mensch bin, der einfach zu wem hingeht und löcher in den bauch fragt seh ich das als ganz gute möglichkeit, dein genre ein bisschen besser kennen lernen zu können … wenn ich mir doch hie und da eine frage zu stellen trau hoffe ich, dass du mir nicht böse bist

    jetzt wünsch ich dir (und mir), dass du recht oft in dein tagebuch schreibst … ich finds klasse, und dich sowieso … schade, dass ich Vierstern nicht kenne … wobei, dich ja leider auch noch nicht persönlich … wär nett, wenn sich das mal ändern würde

    alles liebe, lady-pearl (you know?)

    • Liebe Andrea!
      Ich danke dir für deinen Kommentar, der auch der erste in meinem neuen Blog ist. Das finde ich….wunderschön! Wir fliegen schon so lange voreinander Zickzack und Loopings im Cyberspace, irgendwann sollten wir mal mit unseren Maschinen den selben Flugplatz ansteuern und in der Pilot/inn/enkantine bei einem (starken) Espresso zusammentreffen. Wird sicher charmant!

      Ciao, Tanja!


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