Er bleibt wohl der arme Jonathan


Wenn man sich etwas besonders wünscht, dann wird meistens nichts draus!

Vor ein paar Wochen habe ich mir über Amazon.com eine CD-Gesamtaufnahme der Operette „Der arme Jonathan“ von Carl Millöcker bestellt. Die heimliche Liebe zum Genre und zum Komponisten kann ich an dieser Stelle wohl schwer leugnen.

„Der arme Jonathan“, uraufgeführt anno 1890 im Theater an der Wien, ist ein Spätwerk des Komponisten. Und es ist ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliches Werk. Die Handlung wirkt wie ein moralisches „Besserungsstück“ Raimundscher Art im Mantel einer Wiener Operette. Die Schauplätze sind das Boston, New York und Monte Carlo von 1890, womit sich allerdings nur die Faustregel bestätigt, dass eine gute Wiener Operette überall spielen darf, bloß nicht in Wien. Einige Memorabilia und Neuerungen aus Millöckers Gegenwart blitzen textlich und musikalisch auf: Frauenemanzipation, Studentinnen, Telegraph, Phonograph und Dampflokomotive.

Ich hatte gehofft, etwas zu entdecken, das sich für eine Wiederentdeckung auf der Bühne eignen könnte. Denn die wenigen musikalischen Nummern, die ich aus dem Stück schon einmal gehört hatte, erschienen inspiriert und von höchster musikalischer Qualität zu sein.

Die Geschichte vom tollpatschigen Küchengehilfen Jonathan Tripp und dem misanthropischen Millionär Mr. Vandergold, die sich beide aus Lebensüberdruss erschießen möchten und statt dessen beschließen, ihre Rollen im Leben zu tauschen, hat tatsächlich einiges Potenzial. Natürlich wird Jonathan, der sozial wie geschäftlich überforderte „Prolet als Millionär“, so wie es sich im bürgerlichen Lach-Theater eben gehört, in seinem neuen Leben ebenso wenig glücklich wie der anscheinend mittelschwer manisch-depressive Vandergold, der feststellen muss, dass es am unteren Ende der Nahrungskette auch nicht aufrichtiger und menschlicher zugeht als an der Spitze der High Society. Am Ende sind beide irgendwie froh, ihr altes Leben zurückzubekommen.

Wie viele Werke des Genres leidet auch diese Operette aber an einem dünnen Libretto, sozusagen einem Zweiakter, den man krampfhaft zum Dreiakter ausgewalzt hat. Die Herrn Hugo Wittmann und Julius Bauer, die es zusammengestoppelt haben, sind weder vorher noch nachher durch einschlägige Ruhmestaten bekannt geworden.

Vielleicht lag es auch an der von mir erworbenen Aufnahme [1] (grauenhafte Tonqualität übrigens, möglicherweise ein illegaler Mitschnitt einer Aufführung) und der Bearbeitung, aber auch musikalisch vermag das Stück leider den entscheidenden Funken der Begeisterung bei der Zuhörerin nicht zu zünden. Während bei anderen Bühnenwerken der sogenannten leichten Muse die Musik ein langweilig-uninspiriertes Libretto zum Leben zu erwecken vermag, ist Carl Millöcker dieses Kunststück, das er in „Gasparone“ noch mit links vollführt hat, im „Armen Jonathan“ leider nicht gelungen. Auch die Musik macht aus den Schemenfiguren des Textbuchs leider keine Charaktere. Dazu kommen die üblichen Unsicherheiten über die Fassung (es gibt mehrere, wohl gutgemeinte, dramaturgische und muskalische Neu-Verwurstungen), sodass man am Ende nicht mehr weiß, ob das Stück nun eine Ouvertüre hat (die Aufnahme hat keine, es gibt aber zumindest eine, eventuell von fremder Hand arrangierte und recht zündende Potpourrifassung einer solchen), und ob Harriets Walzerlied „Ach wir armen Primadonnen!“, die wohl berühmteste Einzelnummer, überhaupt ein Original ist, da das musikalische Hauptmotiv daraus hier als Teil einer Ensembleszene auftaucht. Man wünscht sich eine Partitur zur Hand, doch ist vermutlich nicht einmal sicher, ob es eine mit dem Imprimatur des Komponisten versehene solche überhaupt gibt.

Es bleiben einige witzige Ensembleszenen im Gedächtnis: das Auftrittslied des Titelhelden, der Chor der streikenden Dienstboten im dritten Akt (mit dem Zitat von „Swanee River“ , offenbar der einzigen amerikanischen Melodie, die dem Komponisten geläufig war), die amüsante Szene von Quicklys reisender (und schwer indisponierter) Operntruppe, und das war’s dann auch mehr oder weniger schon.

Ich fürchte fast, dieser Jonathan wird „arm“ bleiben und den Weg zurück auf die Bühne leider nimmermehr finden!

[1] „Der Arme Jonathan“, Life-Mitschnitt (7. 11. 1980, Aufnahmeort nicht angegeben), Kölner Rundfunkorchester und -chor, Dirigent: Leopold Hager, Mitwirkende: Werner Hollweg (Vandergold), Rüdiger Wohlers (Jonathan Tripp), Benno Kusche (Tobias Quickly), Hildegarde Herschele (Harriet), Dora Koschat (Molly), erschienen auf Gala/IMC Music Ltd. Nr. GL 100.781 (die 2 CDs enthalten als Bonus Tracks noch einen sehr interessanten historischen Querschnitt des „Bettelstudenten“ aus Berlin von ca.  1930 mit Richard Tauber).

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Published in: on 11. April 2011 at 18:15  Schreibe einen Kommentar  
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