Fort Sumter, 12. April 1861, halb Fünf Uhr morgens


Ein Freiwilliger der Staatsmiliz von South Carolina namens Edmund Ruffin zieht die Zündschnur seiner Kanone. Ein Krachen, eine Granate verlässt den Geschützlauf und schlägt in Fort Sumter, einem steinernen Kastell in der Hafeneinfahrt von Charleston, South Carolina, ein. Die Streitkräfte der „Konföderierten Staaten von Amerika“ (CSA) haben den ersten Schuss auf eine militärische Stellung der „Vereinigten Staaten von Amerika“ (USA) abgefeuert, der Amerikanische Bürgerkrieg hat begonnen.

Es ist auf den Tag einhundertfünfzig Jahre her.

Es endete rund 560.000 Tote später am 23. Juni 1865 mit der Kapitulation der letzten konföderierten Einheiten in Texas.

Dieser blutigste einzelne Krieg in der Geschichte der USA begann wegen einer Nichtigkeit, er brach eines Symbols wegen aus. Denn seit der Wahl von Präsident Abraham Lincoln im Herbst 1860 hatte sich ein Staat des Südens nach dem anderen von der Union losgesagt und war den neugebildeten CSA beigetreten. Nahezu unwidersprochen, ohne mehr als bloß verbalen Protest seitens der Bundesbehörden, auch nach dem Amtsantritt der Regierung Lincoln am 4. März 1861. Die Bundesbeamten im Süden legten einfach ihre Ämter nieder und verließen die Gerichtshöfe, Zoll- und Postämter, die Armee räumte Festungen und Kasernen, die Kriegsmarine Docks und Werften. Anfang April 1861 war die Sezession eine Tatsache, die CSA verfügten über alle Elemente eines funktionierenden Bundesstaates.

Nur an zwei Punkten behauptete die Unionsarmee symbolische Positionen im Süden: Fort Sumter, in der Einfahrt der Hafenbucht von Charleston gelegen und bereits von Stellungen der neu gebildeten konföderierten Streitkräfte auf dem Festland umzingelt, und Fort Pickens vor Pensacola in Florida. Ein Versuch, die weniger als hundert Mann zählende Besatzung der U.S. Army in Fort Sumter unter dem Kommando eines Major Anderson zu verstärken oder zu versorgen, scheiterte. Nicht zuletzt, weil Präsident Lincoln das Risiko einer gewaltsamen Auseinandersetzung scheute. Schließlich befreiten ihn die Behörden South Carolinas gewissermaßen aus dem Dilemma, in dem sie ein Ultimatum zum Abzug der Bundestruppen aus Fort Sumter setzten, das Washington ungenutzt verstreichen ließ.

Und dann feuerte Edmund Ruffin seine Kanone ab.

Die folgende Belagerung dauerte nur 34 Stunden, die einzigen Toten auf Seiten der U.S. Army starben bei einem Schießunfall während des Flaggensaluts vor dem Abzug aus der Festung. Major Anderson kapitulierte, weil seine Position ohne Aussicht auf Nachschub militärisch nicht haltbar war.

Fort Pickens in Florida dagegen war die einzige Stellung auf CSA-Territorum, die die USA während des gesamten Bürgerkriegs ununterbrochen hielten. Strategisch war die Sache der Konföderation vom ersten Kriegstag an unhaltbar. Der Norden brauchte nur den längeren Atem – den er am Ende auch hatte.

Bis heute ist mein persönliches Empfinden zum amerikanischen Bürgerkrieg sehr gespalten. Als überzeugte Anhängerin des kleinräumigen Nationalstaates, des Rechts auf nationale Selbstbestimmung und der Bewahrung regionaler Traditionen, kann ich die Sache der Konföderierten in diesem Sinne verstehen. Als Schutz- und Trutzbund zur Verteidigung der Sklaverei und des Rassismus war ebendiese Sache jedoch zugleich abscheulich und intolerabel.

Der Bürgerkrieg beendete die Sklaverei übrigens nur auf dem Papier. Ein schweigender und verlogener  Pakt zwischen den – weißen – Eliten des Nordens und des Südens sabotierte nach 1865 bald alle Bemühungen zur tatsächlichen Emanzipation und Gleichstellung der Afroamerikaner im Süden. Ein rassistisches Apartheid-System blockierte soziale Kontakte über die Rassenschranken hinweg, bürokratische Schikanen und staatlich geduldeter weißer Terror verhinderten politische Mitbestimmung der Afroamerikaner, und ein ausbeuterisches Pacht-System perpetuierte die wirtschaftlichen Bedingungen der Sklaverei unter anderem Namen.

Erst die Bürgerrechtsbewegung rund hundert Jahre nach dem Bürgerkrieg leitete das Ende des Rassismus und den Sieg der Gleichberechtigung ein.

Zwei Lese- und Schauempfehlungen zum Thema:

  1. Crisis at Fort Sumter – ein englischsprachiges Lehr- und Lernprogramm der Tulane-University, New Orleans, rund um den Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs
  2. The Civil War – der Amerikanische Bürgerkrieg, ein neunteiliger Dokumentarfilm von Ken Burns von 1990, ist immer noch, trotz einiger später aufgedeckter historischer Unschärfen, das gültige Filmwerk zum Thema. Wird wohl aus gegebenem Anlass auf dem einen oder anderen Fernsehkanal wiederholt werden, und ist (auch auf Deutsch) auf DVD erhältlich.
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Published in: on 12. April 2011 at 01:19  Comments (5)  
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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Und von was leiten sich Staat und Verfassung dann ab?
    Was soll dann der Kern sein?
    Eine Verfassung?
    Und wenn der Nachbar die gleichen Verfassungsrechte hat?
    Was definiert dann die Nation noch?
    Und nur der Zufall in einem Staat zu leben macht doch keine Nation. Man sieht das an den künstlichen „Nationen“ die nach WK1 oder durch die ehemaligen Kolonialmächte entstanden sind.

    diese Definition finde ich a bisserl mager …

  2. „Als überzeugte Anhängerin des kleinräumigen Nationalstaates“
    Und was, wenn gar keine Nation vorhanden ist?
    Dann findet man Trost in der Kleinräumigkeit?
    😉

    • Gemeint ist damit, dass nicht „der Nationalstaat“ böse ist, wie das manchmal mit Seitenblick insbesondere auf das „Friedensprojekt EU“ suggeriert wird. Ich verstehe dabei unter „Nationalstaat“ keinen durch die ethnische Herkunft der Einwohner definierten Staat. Und Kleinstaaten, egal ob ethnisch geschlossen oder ethnisch multinational, sind im Großen und Ganzen friedlicher als große Flächenstaaten mit hoher Einwohnerzahl und bedeutender Wirtschaftskraft.

      • Wie definierst Du denn Nationalstaat?
        Ich würde das von „Nation“ her definieren und zwar unabhängig von der Ethnie (kann, ist auch meist, aber muß nicht übereinstimmen) als Kulturgemeinschaft. Und da wird es dann für manche Kleinstaaten in der Selbstdefinition schon ein bisserl eng. *bösegrins*
        Und das mit dem friedlich sein stimmt gar nicht. Das ist meist ein nicht-trauen-dürfen (weil man eben so klein ist), offensichtlich wird das immer, wenn nebenan jemand ist, der noch kleiner ist.
        Das friedlichste Reich war über Jahrhunderte das Deutsche Reich. Mindestens doppelt so groß wie Frankreich und England zusammen und praktisch keine Angriffskriege, weil keine Motivation.

      • Weder ethnische Nation noch Kultur allein sondern Staats- und Verfassungsnation. Im Zweifel also eine Frage des Bekenntnisses.


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