Auf Patrouille im Schattenreich


Der Baron Bagge“ Eine Novelle von Alexander Lernet-Holenia (1936), gelesen als Hardcover aus dem Paul Zsolnay Verlag (1998), ISBN 3-552-04832-4

Wien, irgendwann in den 1920ern. Auf einer Abendgesellschaft schlichtet der Erzähler der Einleitung einen Ehrenhandel zwischen dem Titelhelden und einem anderen Gast und wird daraufhin von Baron Bagge gebeten, sich die Hintergründe des Streits (Bagge wurde bezichtigt, schon zwei Frauen durch die Weigerung, sie zu heiraten, in den Selbstmord getrieben zu haben) erzählen zu lassen.

Im Norden Ungarns, Februar 1915. Bagge, nun in der Rolle des Erzählers, hat bei Kriegsausbruch ein Leben als Weltenbummler und Müßiggänger an den Nagel gehängt und ist als Oberleutnant zur vierten Schwadron des (fiktiven) k.u.k. Dragonerregiments „Marchese und Graf von Gondola“ eingerückt. Seine Einheit erhält Befehl, vor einer geplanten Gegenoffensive von Tokaj aus die Stellungen der über die Karpaten in Ungarn eingebrochenen russischen Armee aufzuklären.

Zwischen dem kommandierenden Offizier, Rittmeister Semler zu Wasserneuburg, und Bagge sowie den Leutnants Maltitz und Hamilton kommt es bald zu Spannungen. Semler entpuppt sich als selbstherrlicher und unberechenbarer „Narr“. Maltitz ist zu jung, Hamilton hat als amerikanischer (!) Freiwilliger (und angedeuteter Homosexueller) zu wenig Sozialprestige, sodass Bagge als einziger dem Rittmeister auf Augenhöhe widersprechen kann und dies auch tut.

Schließlich befiehlt Semler, kaum hat man mit dem Feind Fühlung aufgenommen, entgegen den Befehlen des Divisionskommandos einen Frontalangriff auf die russische Stellung, die bei dem Dorfe Hor die Brücke über den Fluß Ondawa sichert.

Wider Bagges Erwarten brechen die Dragoner durch und erzwingen den Übergang über die Ondawa. Doch irgendetwas Unerklärliches ist gleichzeitig geschehen. Die Schwadron verliert den Kontakt zum Feind und zur eigenen Front und irrt durch eine menschenleere, düster-wolkenverhangene Landschaft. Schließlich erreichen die Reiter die Stadt Nagy-Mihaly (das heute slowakische Michalovce), für deren Einwohner der Weltkrieg mit seinen Schrecken und Gefahren rätselhafterweise kein Thema zu sein scheint. Dort, am äußersten Rand des ihnen zugewiesenen Operationsgebiets, beziehen sie zunächst Quartier.

Die Offiziere werden schnell ins erstaunlich lebendige Gesellschaftsleben des Städtchens integriert. Bagge lernt in Charlotte Szent-Kiraly, der Tochter eines adeligen Gutsbesitzers, eine Frau kennen, mit der ihn einst schon seine verstorbenen Mutter verheiraten wollte. Charlotte ist überirdisch schön, klug und charmant, Bagge weiß sie nur mit antiken Göttinnen zu vergleichen und verfällt ihr in dem Augenblick, als sie ihm beim Einzug der Dragoner in Nagy-Mihaly gegenübertritt und ihn spontan küsst. Nur ihr scheinbar fehlender Wimpernschlag und die rätselhafte Tatsache, dass sie durch die geschlossene Tür in Bagges Zimmer kommen konnte, um mit ihm zu schlafen, irritieren ihn.

Währenddessen jagt Semler Patrouille um Patrouille hinaus und beginnt eine fanatische, verzweifelte Suche nach „dem Feind“. Doch die russische Armee ist wie vom Erdboden verschluckt, und außerhalb Nagy-Mihalys findet sich kein ansprechbare Menschenseele. Und auch die Division, zu der die Gondola-Dragoner eigentlich gehören, rückt nicht nach. Schließlich befiehlt der Rittmeister den Aufbruch, um mit der Schwadron auf eigene Faust die Karpaten zu überschreiten.

Kurz vor dem Auszug aus Nagy-Mihaly heiraten Bagge und Charlotte in einer eiligst anberaumten kirchlichen Zeremonie.

Die Reiter ziehen noch mehr als drei Tage durch eine zunehmend unwirkliche und gespenstische Landschaft nach Norden. Bereits jenseits der Karpatenpässe, vor einer goldbeschlagenen Brücke über den scheinbar aus fließenden Glasscherben bestehenden Fluß San, wird sich Bagge seines zunehmenden Realitätsverlustes bewusst. Er weigert sich, die Brücke zu überqueren, reißt sein Pferd herum….

….und erwacht. Er liegt schwer verwundet auf der Brücke von Hor über die Ondawa. Semler hat die Schwadron nicht zum Sieg sondern, wie von Bagge ohnehin erwartet, in den Untergang im russischen Artillerie- und Maschinengewehrfeuer geführt. Bagge wird als einer der wenigen Überlebenden vom Schlachtfeld geborgen und im Lazarett gesundgepflegt. Dort erfährt er die Wahrheit. Alle folgenden Ereignisse waren ein Traum, ein Nahtoderlebnis. Alle Menschen, denen er begegnet ist, waren in Wahrheit die Geister bereits Verstorbener (Charlotte und ihre Familie kamen bei der Plünderung Nagy-Mihalys durch die Russen ums Leben) oder Seelen auf dem Weg ins Jenseits.

Bagge berichtet noch, wie er den Ritt der vierten Schwadron nach dem Krieg mit seinem Automobil nachvollzogen und alle Plätze (und auch Charlottes Grab) nochmals im nüchternen Diesseits besucht hat. Er fühle sich Charlotte, obwohl diese viel weniger schön gewesen sein soll als die Charlotte seiner Vision, weiterhin verbunden und warte, jedenfalls deutet er dies an, auf den Tag, an dem er sie im Jenseits wiedersehen werde. Deswegen könne er auch keine andere Frau heiraten. Die mysteriöse Brücke über den San, die im Traum die letzte, unwiderrufliche Grenze zwischen „Hier“ und „Drüben“ markierte, habe er zwar wiedergefunden aber auch beim zweiten Versuch nicht überqueren können. An ihr seien Ausbesserungsarbeiten im Gang gewesen, aber er hätte es wohl auch so und so nicht gewagt, sie zu überschreiten.

Es gibt Bücher, die das Potenzial eines Literaten „in einem Guss“, in kurzer, nur einmal gelungener Perfektion zum Ausdruck bringen. Für Alexander Lernet-Holenia und sein Schaffen ist diese Novelle besagtes Schlüsselwerk. Vieles an seinem Schaffen ist Wiederholung und Variation, „Der Baron Bagge“ aber ist Meisterschaft. Wer diese Novelle gelesen hat, kennt die Stärken des Autors als Konzentrat.

Lernet-Holenia schreibt hier in einem klaren, ruhigen, stilistisch wunderbar austarierten Deutsch. Ob Kriegsereignisse, Abendgesellschaften oder unheimliche Stimmungen, stets trifft er ungekünstelt den richtigen Ton. Menschen skizziert er oft nur mit wenigen Worten, und man sieht sie dennoch plastisch vor sich: den bubenhaft-altklugen Leutnant Maltitz, den nervös-arroganten Rittmeister Semler, den – wie man heute sagen würde – „supercoolen“ Amerikaner Hamilton, der sich nur in Gesellschaft von Männern wohlfühlt, und den leutselig-überdrehten Vater Charlottes, den alten Szent-Kiraly.

Auf Charlotte Szent-Kiraly hingegen verwendet der Autor besondere Sorgfalt. Ihr Äußeres wie ihr Charakter werden genau beschrieben. Sie ist die aristokratische, erhabene und doch natürliche junge Dame, deren erotische Ausstrahlung sie in den Status einer „Göttin“ erhebt. Wenn man davon ausgeht, dass Baron Bagge, wie für die meisten literarischen Helden Lernet-Holenias zu vermuten, ein „alter ego“ des Schreibers ist, so stellt Charlotte wohl das unerreichbare, auf einem hohen Sockel stehende Idealbild einer Frau dar, vor dem der Autor das Weihrauchfass schwingt.

Das für die Form der Novelle typische Unheimliche, Spiristische, wird hier durch den Blick ins Jenseits bzw. in den „Vorhof der Ewigkeit“ symbolisiert, den der Held machen darf. In der persönlichen Vorstellung Lernet-Holenias verbringen die Seelen gewissermaßen eine Spanne von neun Tagen (die im Diesseits nur Sekunden entsprechen) in einer Zwischenwelt, in der sie zu beiden Seiten, zu Diesseits wie Jenseits, noch in Beziehung stehen, nirgendwo dazugehören. Das Motiv der „Nicht-“ bzw. „Nicht-mehr-Zugehörigkeit“ durchzieht das literarische Schaffen des Autors. Er betrachtete sich als Teil einer betont männlichen, kriegerischen Generation, deren Zukunft im ersten Weltkrieg gestohlen wurde, und die nun auf die Enthüllung ihres endgültigen Schicksals wartet.

"Und eines Tages war alles aus,
am Ende da schwiegen die Waffen.
Man schickte die Soldaten nach Haus,
einen neuen Beruf sich zu schaffen."

Alexander Lernet-Holenia (1897-1976), ca. 1920 (c) A. Dreihann-Holenia

Mit diesen Zeilen aus dem von Robert Stolz vertonten sentimentalen Chanson vom „kleinen Gardeoffizier“ (Text von W. Reisch, nicht von Alexander Lernet-Holenia, der mich für diesen Vergleich wahrscheinlich auf Pistolen gefordert hätte – wäre ich als Frau nur „satisfaktionsfähig“) könnte man auch einen wesentlichen Aspekt aus dem Leben Alexander Lernet-Holenias und vieler, wenn nicht aller seiner Helden charakterisieren. Der lebenslang über die Identität seines Vaters Unsichere fand im Soldatenberuf (er diente im ersten Weltkrieg als Kavallerieoffizier) einen sicheren Anker,  welcher durch das Ende des Krieges und den Zerfall der k.u.k. Armee wieder losgerissen wurde (mit diesem traumatischen Erlebnis schlägt sich ein weiteres „alter ego“, der Fähnrich Herbert Menis, in Lernet-Holenias bekanntestem Roman „Die Standarte“ herum). Der Autor empfand dieses Umkippen der Leiter zu Aufstieg und gesellschaftlicher Anerkennung als Tragödie, der 1939 bis 1945 die Farce (als Wehrmachtsoffizier am Schreibtisch, zuständig für militärische Filmproduktion) folgte.

Der Autor gelangte so zu einer eher unausgegorenen, im Grunde aber recht reaktionären Weltsicht. Darum frage ich mich immer wieder, was mich mit ihm und seinem Werk verbindet? Es ist wohl weder das Militärische noch das Reaktionäre. Ich glaube, es ist das Gefühl der Unsicherheit über die eigene Rolle und den eigenen Platz in der Welt.

In dem hoch spannend beginnenden, leider aber niveaumäßig nicht bis zum Ende durchgehaltenen Noir-Kriminalroman „Ich war Jack Mortimer“ schlüpft Lernet-Holenias Held Ferdinand Sponer (Ex-Kavalleriekadett, Leider-nicht-Berufsoffizier, zu einer eher proletarischen Existenz als Chauffeur verdammt und erotisch heimlich einer unerreichbaren Aristokratin, Marisabelle von Raschitz, verfallen) in die Rolle des mysteriösen, in seinem Taxi von unbekannter Hand ermordeten Amerikaners Jack Mortimer. Anfangs nur, um die Spur des Toten, dessen Leichnam er in der Donau versenkt, zu verwischen, da er fürchtet, die Polizei könnte ihm den Mord „anhängen“. Doch durch den scheinbar nur gespielten Identitätswechsel wird er mehr in das Leben und in das Schicksal des Jack Mortimer hineingezogen, als ihm lieb ist, und muss nun, gejagt von der Polizei und Mortimers Feinden, selbst um sein Leben kämpfen.

Der bezeichnenderweise vornamenlose, nur durch sein Adelsprädikat definierte Titelheld unserer Novelle findet von seinem ganz persönlichen „Helweg“ durch das Schattenreich wieder ins reale Leben zurück. So wie Fähnrich Menis mit seiner persönlichen „Göttin“, Resa Lang, zurück nach Wien findet und von der Welt der Uniform, die er mit der Verbrennung der Standarte des Regiments „Maria Isabella“ symbolisch hinter sich lässt, in die Geschäftswelt wechselt, zu der ihm die Familie seiner Frau Zutritt verschafft.

Alexander Lernet-Holenia selbst blieb Zeit seines Lebens ein innerlich Gespaltener, Unzufriedener und Missmutiger. Er trauerte um die Monarchie, obwohl er das Haus Habsburg für schwach und degeneriert hielt. Er hielt ehrenhaft-ausreichende Distanz zum Nationalsozialismus, obwohl er, etwa in „Die Standarte“, mehrfach von einem ewigen, mystischen „Reich“ schwadroniert und die Uniform der Wehrmacht trug. Er empfand das Ende des dritten Reichs als befreiende Wohltat, doch blieb ihm auch die demokratische Republik irgendwie fremd (legendär wurde sein jahrelanger, skurriler, auch mit literarischen Mitteln ausgetragender Privatkrieg gegen die „Finanz-SS“, an dessen Höhepunkt er angeblich einen leitenden Beamten öffentlich zum Duell forderte). Er bewegte sich nicht exklusiv in reaktionären Kreisen (er war etwa Trauzeuge Ödön von Horvaths), doch seine Tätigkeit als Präsident des österreichischen P.E.N.-Clubs endet wegen seiner nach 1960 bereits auf erbitterten Widerstand stoßenden reaktionären Haltung mit der Spaltung der renommierten Schriftstellervereinigung.

Als sich mein Büro im selben Trakt der Wiener Hofburg befand wie des Dichters letzte Wohnung, habe ich meinem Vater einmal ironisch geschrieben, ich sei Lernet-Holenias Geist begegnet (in Wahrheit glaube ich nicht wirklich an das, was man allgemein als „übernatürlich“ beschreibt). Doch auch in meinem Denken streiten und mischen sich etwa demokratische, liberale und soziale Ideen. Ich halte ökologisches Denken und Handeln für überlebenswichtig, und doch trennt mich inzwischen einiges von den Grünen. Ich stehe nicht unter der Europafahne, wie das der Mode entspricht, sondern bleibe bei den Farben Rot-Weiß-Rot, den patriotischen Farben meiner Jugend. Ich empfinde mich als Mensch und – im Zweifel, mehrheitlich – als Mann und bin doch weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht klar und ausschließlich zugeordnet. Ich wurde sehr liberal und ohne Zwänge erzogen und bin dabei doch viel konservativer geworden, als die Erziehenden gedacht hätten, weil ich die liberale Beliebigkeit auch als eine Wurzel mir eigener charakterlicher Schwächen sehe. Ich finde mich in der technisierten Gegenwart sehr gut zurecht und bin doch emotional mehr ein Mensch des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Ich bin durch mein Transgender-Sein zu einer Form des Aufbegehrens verdammt, obwohl ich oft lieber als „Systemerhalter“ nach dem Dienst im Kaffeehaus säße, etwa als Bezirksrichter in Waidhofen an der Ybbs (wo, oh Zufall, der Dichter 1915 die Matura abgelegt hat).

Meine Patrouille im Schattenreich ist, metaphorisch gesprochen, noch nicht zu Ende. Ich warte auf die Enthüllung dessen, was Leben und was Traum ist. Und mit den göttinnengleichen, unerreichbaren Frauen (manchmal auch Männern) habe ich es auch irgendwie. Ich bin eine notorische Weihrauchfassschwingerin, die Prinzessin Hamlet der Welt-Verkomplizierung, des „Aber“, „Wenn“ und „Vielleicht“.

Irgendwann sollte ich dann auf der Brücke von Hor aus dem Traum erwachen. Ich muss nur darauf hoffen, dass meine Wunden noch ein langes, solides Weiterleben erlauben werden.

Advertisements

The URI to TrackBack this entry is: https://zeilenzwischenxundy.wordpress.com/2011/05/02/auf-patrouille-im-schattenreich/trackback/

RSS feed for comments on this post.

4 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Danke für den Tipp! Mein Regalbrett, das den ungelesenen Büchern vorbehalten ist, hat sich ziemlich geleert, und ich brauche Nachschub. Lernet-Holenia steht nun auf meiner Bücherliste.

    • Vielen Dank für diesen Kommentar! Ich glaube, der wurde zweimal gepostet. Soll ich die erste Version wieder löschen?

      • Ja bitte, lösch einen der beiden Kommentare.
        Als ich den ersten schrieb, kam die Antwort, dass der Kommentar nicht angenommen wurde.

      • Nanu, das würde mich aber wundern. Ich habe mir vorbehalten, Kommentare freizuschalten, abgelehnt habe ich aber noch nie einen. Aber natürlich bin ich nicht ständig online, daher dauert es manchmal ein bisserl!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: