Kunst oder Handwerk?


Was ist die Liebe nun, Kunst oder Handwerk? Sind die Kräfte, die uns an einen anderen Menschen binden, höhere Himmelsmacht, Schicksal, Bestimmung, das Ergebnis feiner Ästhetik oder grobe Tischlerei?

Diese Fragen lasten mehr oder weniger schwer auf uns allen, so wir nicht eine zölibatär-solitäre Existenz in einer Mönchsklause der Zwei- oder Mehrsamkeit vorziehen.

Wir wünschen uns natürlich die höhere Himmelsmacht oder die feine Ästhetik, doch ist die Realität nicht einfach das solide Handwerk? Und gibt es nicht genug Gründe, dieses Handwerk zu verfeinern und zu ehren?

Der Morgen im Bett zu zweit hat selten etwas vom geschniegelten Glanz eines Werbespots für Edelmargarine oder Luxus-Kaffeemaschinen, makellos schöne Körper im weichen Licht, saubere Seidenbettwäsche, ein duftendes Frühstückstablett wie von Zauberhand ans Bett serviert und jede Menge Zeit….oh weh! Die Realität ist gebrauchte, buntscheckige Bettwäsche, sind ein piepsender Wecker, Ringe um die Augen und ein „Du hast wieder einmal geschnarcht!“ oder „Ich hasse das Aufstehen!“ zur Begrüßung.

Mit einer Partnerin oder einem Partner in solch glanzloser Atmosphäre auszukommen, das ist Beziehungshandwerk, aber ist es auch Liebe? Und ist es Kunst, trotzdem zu lachen, einen Kaffee zu machen (gut, nicht ganz den tollen, für den der George Clooney Werbung macht! ;-)) und unter Anspannung zu lächeln wie eine körpergestählte Ballerina beim Spitzentanz?

Und wie ist das, wenn man sich küsst, wenn man es genießt, Freude daran hat, und da ist doch dieser klitzekleine, böse Wurm im Hinterkopf, der einem sagt: „Und sie hat doch zuerst den Kopf weggedreht, als Du dich ihr genähert hast!“ oder „Erinnerst Du dich noch an den Kuss mit F***? So muss es knistern, wenn sich die Lippen berühren!“? Doch leider ist F*** woanders oder mit A*** zusammen (oder schwul oder lesbisch, oder was weiß ich!). Jedenfalls außer Reichweite. Und die Realität ist, dass du ein Bein fest an den Sessel deiner Beziehung leimen musst, weil er das ist, was du hast, lange dauernd, zerbrechlich und verlässlich zugleich.

Ganz gleich, ob man auf Wolken schwebt oder bloß in der sprichwörtlichen Beziehungskiste haust: die Erinnerungen entscheiden. Durch sie stehe ich selbst heute noch Menschen innig nahe, mit denen ich nie die Spur einer „Beziehung“ hatte. Die Erinnerungen sind der Prüfstein für Kunst und Handwerk.

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