Am musikalischen Strande Liguriens


Opern-Schnellkritik

Wiener Staatsoper, 24. Mai 2011

Giuseppe Verdi „Simon Boccanegra“ (2. Fassung Piave/Boito)

Regie: Peter Stein (50. Aufführung in dieser Inszenierung)

Dirigent: Myung-Whun Chung

Simon Boccanegra ….. Andrzej Dobber

Jacopo Fiesco ….. Roberto Scandiuzzi

Paolo Albiani ….. Marco Caria

Amelia ….. Fiorenza Cedolins

Gabriele Adorno ….. Francesco Meli

Pietro ….. Sorin Coliban

Hauptmann ….. Carlos Osuna

Dienerin ….. Simina Ivan

—–

Eine Aufführung, die beim Schlussapplaus leider etwas unter ihrem Wert geschlagen worden ist.

Die sängerische Krone teilen sich zwei Herren: Francesco Meli brachte mit seiner sicher geführten, perfekte „Italianità“ verkörpernden, wohltönenden Tenorstimme einen sehr guten Gabriele Adorno über die Rampe. Roberto Scandiuzzi gab der Rolle des unerbittlichen Patriziers Fiesco Profil und schöne bassliche Tiefe.

Andrzej Dobber, für den ursprüngliche vorgesehenen, erkrankten Leo Nucci eingesprungen, verlieh dem Titelhelden Gestalt, doch aus unerfindlichen Gründen blieb er gerade in seiner großen Szene im 1. Akt („Brudermörder! Plebejer, Patrizier…..So rufe ich: Frieden, Liebe!“) blass. An der stimmlichen Form kann es nicht gelegen sein, doch einem solch leisen, unleidenschaftlichen Dogen Simon hätten die streitenden Parteien in Senat und Volk von Genua wohl kaum Gehör geschenkt und sich am Ende doch die Köpfe eingeschlagen.

Und die weibliche Hauptrolle? Fiorenza Cedolins, eine wunderschöne und darstellerisch präsente Sängerin mit schönem Timbre (auf ihr Tremolo sollte sie allerdings ein wenig achten) als Amelia. Doch in dieser „Männeroper“ rund um die Macht im Staat und die Gewalt über Frauen und Töchter muss die Sopranistin, trotz einer tadellosen sängerischen Leistung, ein wenig im Hintergrund bleiben.

Marco Caria in der Rolle des aus unglücklicher Liebe zu Amelia vom Revolutionär und politischen Drahtzieher zum infamen Verschwörer und Giftmörder mutierenden Paolo gehörte ebenfalls zu den bühnendominanten Männern. Man merkt, dass Verdi in diese Rolle für den Comprimario-Bariton einiges an musikalischer Charakterisierungskunst gesteckt hat (gewissermaßen eine Vorstudie für den Jago). Herr Caria verlieh der trotz allem undankbaren Rolle große stimmliche Präsenz und verdient es, ausdrücklich lobend erwähnt zu werden.

Der nachhaltige Schlussapplaus für den Dirigenten dieser Vorstellung, Herrn Myung-Whun Chung, der an diesem Abend sein Debüt an der Wiener Staatsoper gegeben hat, erschließt sich mir nicht ganz. Herr Chung leitete ein routiniert und fehlerfrei spielendes Orchester, seine Zeichengebung ist ebenso präzise wie gefühlvoll, doch die kleinen, wichtigen Details, die Wechsel in Tempo und Lautstärke, die das intellektuelle, künstlerische Profil im Gefühlsstrom der Verdischen Musik ausmachen, sind seine Sache meines Erachtens nicht.

Was soll man noch über die Inszenierung von Peter Stein sagen? Sie ist schön. Sie stört sicher keine/n traditionsbewusste/n Operngeher/in. Sie ist aber auch nur irgendwie eine Kopie der Inszenierung von Giorgio Strehler, die ich in den 1980ern auf der Bühne der Wiener Oper gesehen habe, nur mit neuen Bühnenbildern und Kostümen. Nichts Neues an der ligurischen Front, gewissermaßen.

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