Das Fettauge des Gesetzes


Kirbisch oder der Gendarm, die Schande und das Glück“ Ein episches Gedicht von Anton Wildgans, gelesen als Hardcover aus dem Verlag Styria (1995), ISBN 3-222-12278-4

Das niederösterreichische Bergdorf Übelbach am Volland erlebt mitten im ersten Weltkrieg einen Einbruch von Zwietracht und Unmoral in die scheinbar festgefügte bäuerliche Welt. Während die „schwarze, blutige Kriegsfaust“ zunehmend Menschenopfer aus der Mitte der Dörfler fordert, und die Kriegsgesetze in Form von Rationierungen und Requirierungen die lokale Wirtschaft zu lähmen drohen, kämpfen der Dorfpfarrer und Tobias Pschunder, der demagogisch begabte und habgierige Gastwirt, um die Seelen der Menschen. Pschunder gewinnt, stürzt den hilflosen Ortsvorsteher und macht sich den faulen und feigen Gendarmen Kirbisch gefügig, in dem er Fähnrich Fleps, einen gewandten Verführer, auf dessen junge Frau ansetzt und diese so in einer ménage a trois zu erotischen Höchstleistungen animiert. Kirbisch verfällt schließlich der Versuchung von Eros und Fresssucht, drückt  das Auge des Gesetzes im Fall der Lebensmittelbewirtschaftung fest zu und ermöglicht es Pschunder so, Übelbach als Modesommerfrische für „Kettenhändler und Schieber“ zu etablieren. Während der Pfarrer seinen Glauben an Gott und das Gute verliert und nach einem Herz- oder Schlaganfall dem Tode entgegendämmert, verlässt Cordula, die von Fleps geschwängerte und dann sitzengelassene Kellnerin und Dienstmagd bei Pschunder, am Ende des Epos traurig aber auch befreit das Dorf Übelbach, wo man ihr im wahrsten Sinne des Wortes übel mitgespielt hat, um ihr Kind anderswo zur Welt zu bringen.

„Dieses Buch ist ein Denkmal aus Österreich“ zitiert Felix Mitterer in seinem Nachwort zur von mir gelesenen Ausgabe aus Stefan Zweigs Hommage an den sonst heute fast vergessenen Anton Wildgans.

In der Tat ist dieses Versepos gar nicht der kurios-betuliche  Reim-Zungenbrecher, als der es in meiner Schulzeit noch in Lesebuchhäppchen verabreicht wurde. Es ist eine erbarmungslose Berg-und-Talfahrt, ein wilder Zick-Zack-Kurs durch alle Höhen und Tiefen der Geisteswelt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Dichter lotet in den Abgründen der menschlichen Gemeinheit, er schwingt die satirische Geißel gegen Spießertum und Engstirnigkeit, suhlt sich gleich darauf im Schlamm der Anti-Modernität und nippt am Becher von „Blut und Boden“, um schließlich innere Höllenfahrten und die Vorahnung vom Zusammenbruch der gesellschaftlichen und moralischen Ordnung zu inszenieren.

Denn es beginnt bereits in den ersten Versen mit dem klaren Bekenntnis, dass in diesem Buch alle gleich- und gemeinsam des Teufels Kinder sind:

„Übelbach heißt die Gemeinde am Hang des gewaltigen Volland,
Wo die Geschichte von Schande und Glück des Gendarmen sich zutrug.
Volland nannten die Väter verschollener Läufte den Teufel,
Und so erzählt auch die Sage von jenem Ursteingebirge,
Daß es der Luzifer sei, der Engel des Aufruhrs, den Gottes
Machtspruch aus Himmeln verstieß, und hierlands fiel er zur Erde.“

Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Übelbach am Volland, ein leicht verzerrtes Spiegelbild von Wildgans‘ langjährigem Sommerfrischeort Mönichkirchen am Wechsel, sitzt also auf „Luzifers Flanke“, die menschlichen Tragödien und Komödien spielen gewissermaßen auf des Teufels dickem, fetten Hintern.

Des Teufels ureigenster Spielplatz sind Krieg und Gewalt. Ohne den Hintergrund des ersten Weltkriegs wäre dieses Werk auch gar nicht denkbar. Das hörbare Pochen von Luzifers Herz im Inneren des Volland kündet der Sage nach von Tod und Not. Es wird – scheinbar – am Ende des Elften Gesanges (von Zwölfen) zu hören sein, wenn zu Cordulas öffentlicher Demütigung am nächtlichen Höhepunkt eines orgiastischen Kirtagsfestes weit unten im Tal eine Explosionskatastrophe in einer Munitionsfabrik symbolisch die „Totenfackel des Reiches“ entzündet.

Ganz besonders gut ist Wildgans meiner Ansicht nach auch dort, wo er in Versform praktische politische Grundfragen erörtert. Was zählt, schaffender Egoismus oder barmherzige Solidarität, der Einzelne, die autonome Gemeinde oder das staatliche Ganze, die „große Gesellschaft“?

Im „Kirbisch“ wird diese Frage schlagend, als im Sechsten Gesang ein militärisches Requirierungskommando Übelbach heimsucht, und die zwecks Vermarktung in der Sommerfrischesaison illegal gehorteten Vorräte der Bauern und Gewerbetreibenden großteils konfisziert werden. Große Wut und geballte Fäuste gegen „die da oben“! Vergebens appelliert der Pfarrer an die Solidarität der Dörfler mit der bereits hungernden Bevölkerung in den Städten und Fabriken. In einem demagogischen Glanzstück drängt ihn der diabolische Wirt Pschunder ins Abseits, wenn er der christlichen Nächstenliebe einen nicht völlig absurden, wenn auch klar populistischen, halb kommunitaristischen, halb partikularistischen Gemeinde-Zentrismus entgegensetzt:

„Mag dann was immer geschehen, und mag auch der schreckliche Mordkrieg
Enden wie immer er will! Wenn dann eine jede Gemeinde
So für sich selber gesorgt und derart fürs Ganze gewirkt hat,
Wird sich, so tief es auch falle, das Land von neuem erheben!
Ja, aus der Kraft der Gemeinden, aus vielen einzelnen Zellen
Wird sich die Wabe erneuern, der Bienenstock, welcher der Staat ist!
Das, meine Herren und Frau’n, sehn wir mit dem geistigen Auge!
Das scheint mir, mit Verlaub, der echte und rechte Gemeinsinn!“

Schöner hätte es heute ein Hofdichter des Städte- oder Gemeindebundes auch nicht formulieren können! Und man darf wohl annehmen, dass unser Dichter seinem bösartigen Demagogen Tobias Pschunder, kurz nach diesen Worten schon per Akklamation Ortsvorsteher (Bürgermeister) von Übelbach, da auch ein paar eigene Gedanken in den Mund gelegt hat. Beantwortet werden die aufgeworfenen Fragen von Wildgans im Grunde jedoch nicht.

Wenn man mit Bedacht und Offenherzigkeit in diesem Buch liest, ohne es ganz unkritisch zu betrachten, dann kann man sich nicht nur an der Schönheit der Verse und der Lebhaftigkeit der Charakterzeichnungen erfreuen. Der Dichter führt uns durch Gaststuben und lässt uns mit spießigen Honoratioren saftige Schweinskotelette und Torten verspeisen, die man fast riechen kann. Wir nehmen am Fronleichnamsumgang und am Theresienkirtag teil und hören zu, wie der Foxtrott und andere Modetänze mit der Volksmusik streiten. Das Epos beschreibt auch einen jahreszeitlichen Zirkel mit allen seinen Naturwundern, vom Hochfrühling bis zum tiefen Winter. Und dieses Buch ist auch eine Zeitmaschine, die uns fühlen und denken lässt, wie Menschen vor nun schon fast einhundert Jahren gefühlt und gedacht haben.

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