Der ewige Thronprätendent und die k.u.k. Republik


Morgen, am Samstag, den 16. Juli 2011, wird Dr. Otto Habsburg-Lothringen, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl I. und bis zu seiner Loyalitätserklärung im Jahre 1961 inoffizieller Thronprätendent des Hauses Habsburg-Lothringen für den – aus legitimistischer Sicht – bloß vakanten österreichischen Kaiserthron, in der Kapuzinergruft am Neuen Markt in Wien beigesetzt.

Ich verwehre ihm einen respektvollen letzten Gruß und ein „Er ruhe in Frieden!“ nicht. Er war ein ehrlicher Reaktionär, ein Gentleman alter Schule, und er hat, das war sein unbestreitbarer historischer Verdienst, die Fahne österreichischer Unabhängigkeit von 1938 bis etwa 1943 in einer Zeit unermüdlich hochgehalten, als dies selbst von den Gegnern Nazi-Deutschlands leicht belächelt wurde.

Für den monarchischen Legitimisten ist das gekrönte Staatsoberhaupt von Gott selbst eingesetzt („Wir, Franz Joseph I., von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich etc.“), jeder Sturz einer Monarchie stellt daher nur eine vorübergehende, ketzerische Abweichung vom Normalzustand dar. „Monarchie“ und „Demokratie“ sind für ihn aber, entgegen dem Wortlaut (Monarchie = Alleinherrschaft, Demokratie = Volksherrschaft), kein zwingendes Gegensatzpaar.

Die Habsburgische Monarchie starb im Herbst 1918 glanz- und ruhmlos aber wenigstens ohne Revolution oder blutigen Bürgerkrieg. Sie zerbrach und löste sich auf. Am Ende blieb Karl dem Ersten und Letzten eigentlich gar nichts anderes übrig, als still und heimlich von der Bühne zu verschwinden. Hätte er, dessen Vorfahren einst über Ländern geboten, in denen die Sonne nie unterging,  als Operettenkaiser eines Kleinstaats oder als Erzherzog von Österreich, Salzburg, Kärnten und der Steiermark, gefürsteter Graf zu Tirol und Herr in Vorarlberg (für das Burgenland hätte man noch einen Titel erfinden müssen) weiter amtieren sollen? Ganz abgesehen davon, dass ihn die Mehrheit nicht mehr wollte.

Aber Karl dankte nicht ab, ein Legitimist verzichtet nicht auf ein Amt, aus dem ihn nach seinem Verständnis nur Gott abberufen konnte. Er blieb als Gespenst in Schönbrunn hocken und wartete auf den Sieg der Konterrevolution oder den Tod durch ein revolutionäres Erschießungskommando.  Es dürfte zum Teil der stillen Diplomatie der Emissäre des englischen Königs George V. zu verdanken sein, dass Karl schließlich als Kompromiss „auf jeden Anteil an den Regierungsgeschäften“ verzichtete und sich ins Schweizer Exil trollte. Der britische Monarch, der sogar eine Abteilung seiner Gardetruppen zum Schutz (und zur Überwachung) des gestürzten Habsburgers nach Österreich entsandte, wollte um jeden Preis einen weiteren gewaltsamen monarchischen Abgang à la Nikolaus II. von Russland verhindern.

Seither regieren, unter Einschluss der beiden faschistischen Intermezzi von 1934 bis 1945, die republikanischen Ketzer. Und Otto Habsburg-Lothringen, als Kronprinz und Thronprätendent nach seinem 1922 im (zweiten) Exil in Madeira verstorbenen Vater, machte, wie schon Eingangs beschrieben, seinen Frieden mit der „k.u.k. Republik“ (ein Bonmot von Alexander Lernet-Holenia).

Advertisements

The URI to TrackBack this entry is: https://zeilenzwischenxundy.wordpress.com/2011/07/15/der-ewige-thronpratendent-und-die-k-u-k-republik/trackback/

RSS feed for comments on this post.

2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich will nicht behaupten, daß es nicht stimme, daß Karl in Schönbrunn herumsaß und auf ein Erschießungskommando wartete, aber bitte, wann war das genau? Mir ist nur bekannt, daß er in einem Wochenendschloß namens Eckartsau, wohl irgendwo in Niederösterreich, herumsaß und wartete.

    • Karl verließ nach seiner Abdankung, respektive seines Verzichts auf jeden Anteil an den Regierungsgeschäften, am 11. November 1918 mit seiner Familie Schloss Schönbrunn und übersiedelte nach Schloss Eckartsau im Marchfeld. Am nächste Tag wurde die Republik ausgerufen. Dann gingen Verhandlungen um seine Zukunft los. Die neue republikanische deutsch-österreichische Regierung unter dem Sozialdemokraten Renner wollte Karl vorerst zu einer formellen Abdankung zwingen, ihn eventuell dafür sogar in Haft nehmen oder zumindest internieren, und ihn dann außer Landes schaffen, weil sie ihn als Zentralfigur einer möglichen monarchistischen Restaurationsbewegung fürchtete. Die Siegermächte wollten keine Person mit starkem Profil und hohem internationalen Bekanntheitsgrad an der Spitze des besiegten Landes, ebenso die Regierungen der Nachfolgestaaten, die den Schatten Habsburgs fürchteten. Edward Strutt, ein Oberst der britischen Armee, wurde daher als persönlicher Repräsentant von König George mit einigen Offizieren und Soldaten nach Eckartsau geschickt, um Karl zu schützen aber auch zu überwachen. Man fürchtete alles mögliche, vor allem einen kommunistischen Staatsstreich, wie er ja dann am 19. März 1919 in Ungarn auch tatsächlich ausgeführt wurde. Es sollte sich auf keinen Fall das wiederholen, was Zar Nikolaus II samt Familie passiert war. Der Chef der von der britischen Regierung nach Wien entsandten Militärmission handelte daher mit der Schweizer Regierung die Abreise des Ex-Monarchen in die sichere Schweiz aus. Renner protestierte dagegen, die Briten drohten ihm aber mit Sanktionen und setzten Karl mit seiner Familie am 23. März 1919 am Bahnhof Kopfstetten-Eckartsau in den Sonderzug, der ihn in die Schweiz brachte. Der Ex-Kaiser machte unterwegs ins Exil noch einmal vor allem die Sozialdemokraten rebellisch, indem er ein wolkiges „Feldkircher Manifest“ verfasste und verbreiten ließ, das gegen seine Absetzung protestierte. Der Gegenschlag folgte sogleich: kaum war Karl in der Schweiz, wurden die Habsburger von der konstituierenden österreichischen Nationalversammlung durch Gesetz vom 3. April 1919 des Landes verwiesen und ihr Vermögen eingezogen. Und Karl hat – ganz anders als in Ungarn! – nie auch nur einen Versuch zu unternehmen, in Österreich wieder den Thron zu besteigen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: