Als England Republik war


England, der Hort von Monarchie und Aristokratie, „God save the Queen“ und „For King and Country!“, Parlamentseröffnung und Thronrede, Ritterschlag, Kronen, Diademe und auf viele Zeitgenoss/inn/en leicht operettenhaft wirkendes Zeremoniell.

Mitten im Nostalgiebad der Zeremonien des Habsburgerbegräbnisses sollte man kurz der Tatsache gedenken, dass sich die Engländer als erstes Volk Europas gut 150 Jahre vor der großen französischen Revolution mit Gewalt ihres Monarchen entledigten und für eine kurze Periode von rund elf Jahren versuchten, unter einer republikanischen Verfassung zu leben.

Wie es dazu kam, und warum die englische Republik scheiterte, gehört zu den spannendsten Augenblicken der europäischen Geschichte!

1642 trennten sich der katholische König von England und Schottland, Charles I. Stuart, und das mehrheitlich protestantisch gesinnte englische Parlament nach jahrelangem Tauziehen endgültig im Streit. Der König, überzeugter Legitimist und als solcher Anhänger absoluter monarchischer Regierungsgewalt, wollte die lästigen Volks- oder besser Ständevertreter mit ihrem Kontrollgriff auf seine Steuerkasse loswerden. Beide Seiten rüsteten zum blutigen Bürgerkrieg (1642 bis 1648), in dem der König den Kürzeren zog. Der versnobte Charles und seine Generäle aus dem „Kavaliersstand“ hatten drei Faktoren unterschätzt:

  1. Die lange, kontinuierlich entwickelte Tradition des englischen ständischen Parlamentarismus, der in der aufsteigenden bürgerlichen Kaufmanns- und Unternehmerklasse einen bedingungslosen – und vor allem finanzkräftigen! – Verbündeten fand;
  2. die immer noch wirksame Sprengkraft der Reformation, die im fundamentalistisch-fanatischen „Puritanismus“ gerade jetzt erst in England ihre stärkste Wirkung entfaltete und im katholischen Stuartkönig ihren idealen Gegner fand, der sich fabelhaft dämonisieren ließ, und schließlich
  3. das militärische Talent der auf die Seite der „Roundheads“ (etwa „Gscherten“) der Parlamentspartei getretenen Adeligen, namentlich Thomas Fairfax und Oliver Cromwell, die mit dem Geld der Londoner City eine „New Model Army“ aus dem Boden stampften, deren Regimenter, insbesondere die „Ironsides“, die gepanzerten Kürassiere, die Söldner des Königs bald von einem Schlachtfeld nach dem anderen fegten.

1648 kapitulierten die letzten Royalisten, das Parlament, de facto nur mehr aus dem House of Commons bestehend (und bereits von königstreuen Abgeordneten gesäubert), machte dem in seine Gefangenschaft geratenen König wegen dessen Verfassungsbrüchen und Auslandskontaken (zu Verwandten in Frankreich, Spanien und den Niederlanden, also historischen Gegnern Englands) einen kurzen (Hochverrats-) Prozess und ließ den Monarchen von Gottes Gnaden am 30. Jänner 1649 vor seinem eigenen Whitehall-Palast in London öffentlich enthaupten. Ein historischer Akt ohne Präzedenz in der Welt des Feudalismus. Dass Könige von der Hand adeliger Rivalen oder ausländischer Gegner gefallen waren, hatte man schon gesehen. Nicht aber, dass Vertreter der unteren Stände aus eigener Macht den Stab über einen „Herrscher von Gottes Gnaden“ gebrochen hatten!

Die Führer des Parlaments machten in puritanischer Konsequenz nun auch gleich Nägel mit Köpfen: die Monarchie wurde abgeschafft, das Parlament erklärte England unter dem Namen „Commonwealth of England“ zur Republik.

Nur leider funktionierte diese Republik nicht. Das Parlament konnte nicht selbst regieren, der von ihm als kollektive Regierung eingesetzte Staatsrat erwies sich als zu schwach. Das englische Volk hatte von den frömmelnden Puritanern, die Sport, Spiele, Tanz und Theater zur Ketzerei erklärten, auch bald genug. Die „Pfeffersäcke“ der City wiederum begannen die radikal-sozialreformerischen Ideen mancher Parlamentarier  zu fürchten und bangten um die internationale Machtposition Englands.

Oliver Cromwell 1649 als Feldherr des Parlaments (Ölgemälde von Robert Walker, National Portrait Gallery, London; Bildquelle: Wikimedia)

So fiel das Land in die Hände der Militärs. General Oliver Cromwell ergriff die Macht und regiert von 1653 bis zu seinem Tod am 3. September 1658 als „Lordprotektor von England, Schottland und Irland“ erstmals ein gewaltsam vereinigtes „Groß-Britannien“ mit eiserner Faust. Aufstände in Wales, Irland und Schottland ließ er von der Armee erbarmungslos niedermetzeln, gegen die Niederlande führte er  im Interesse der City-Kaufleute einen erfolgreichen Seekrieg.

Cromwell lehnte die ihm vom Parlament angetragene Königskrone jedoch ab und unternahm statt dessen den seltsamen Versuch, einfach Amt und Titel des Lordprotektors seinem Sohn Richard zu vererben. Doch diesem waren die Schuhe seines titanischen Vaters weit zu groß. Richards Rücktritt nach kaum einem halben Jahr im Amt hinterließ Großbritannien führungslos, neuerlich drohte Chaos, und neuerlich klärte das Militär die Verhältnisse. General Monk sicherte (gegen die Zusicherung einer Amnestie und einer schönen Pension) mit seinen Truppen die Rückkehr des Prince of Wales (und bereits gekrönten Königs von Schottland) nach England, das Parlament warf sich vor dem Sohn des einst auf seinen Befehl geköpften auf den Bauch, und Charles II. Stuart hielt am 29. Mai 1660 seinen triumphalen Einzug in London. England war wieder Monarchie, und Oliver Cromwells Leichnam wurde aus seinem Grab in der Westminster Abbey geholt, auf Befehl des Königs postum symbolisch geköpft, zur Schau gestellt und dann auf dem Armsünderacker verscharrt.

Bis heute scheint vielen Briten die kurze republikanische Periode ihrer Geschichte irgendwie peinlich und kaum der Erwähnung wert zu sein, obwohl Cromwell bedeutende Fakten für die Geschichte Großbritanniens geschaffen hat (neben der Union der drei Reiche vor allem den durch die „Navigationsakte“ verankerten Primat des britischen Seehandels und der britischen Seemacht).

Die Republik, „das Commonwealth“, hat bis heute im Bewusstsein der Allgemeinheit den grauslichen Beigeschmack von Bürgerkrieg, Blut, Gewalt und Chaos, während die Monarchie für Einigkeit, Stolz und Patriotismus steht. Hier hat die royalistische Propaganda ganze Arbeit geleistet, selbst über den zweiten Sturz des Hauses Stuart im Jahre 1689 hinaus. In den folgenden Jahrhunderten wuchsen Monarchie und Demokratie symbiotisch zusammen. Die Abschaffung des absoluten Vetorechts des Oberhauses im Jahre 1911 (unter dem Eindruck der massiven „Drohung“ der liberalen Regierung Asquith, dem König einen „Peersschub“, die massenweise Erhebung linker und liberaler Persönlichkeiten in den Hochadel, vorzuschlagen, stimmten die Lords ihrer eigenen Entmachtung zu) markiert aus meiner Sicht den „Point of no return“, das unumkehrbare Ende der Dominanz von Königin oder König und Hochadel.

Während in Österreich Monarchisten und Legitimisten heute bloß ein nostalgischer Farbtupfen sind, bilden  Großbritanniens Republikaner immerhin eine ernsthaft, wenn auch nur marginale politische Größe.

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