Die Geisterstadt


Wenn der graue Oktober-Hochnebel über den Waldbergen und den Tälern hängt, macht das Darunter immer noch einen ganz netten Eindruck. Ich steige aus und betrachte die erste Straße vor mir: kleinstädtisch. Kleinstädtisch, doch irgendwie von ganz besonderem Stil.  Die schwere, lenkende Hand das alten Fabriksherren, des Patriarchen, der hier einst das Sagen hatte, sie ist immer noch spürbar.

In ihrer Blütezeit hatte die Stadt mehr als zwölftausend Einwohner, heute sind es weniger als neuntausend. Für ihre Größe ist sie eigenartig blutleer, selbst für einen Sonntag. Kein Kaffeehaus, keine Hauptstraße, kein Platz mit Geschäften, kein Hotel, keine Gastwirtschaft, keine Konditorei. Jedenfalls fällt mir nichts auf, lädt mich nichts zum Eintreten ein. Kein Kino mehr – aber das ist heute ja der Regelfall. Vor dem Rathaus blättere ich durch die Seiten eines sinnlos vor sich hin blinkenden „Infomaten“, aber außer ein paar (meist türkisch geprägten) Pizzabäckern und Kebabbuden scheint hier am Sonntag im Weichbild der Stadt nichts los zu sein. An der Tankstelle bei der Ortsausfahrt gäbe es vielleicht einen Kaffee – oder doch besser in der Cafeteria des Altersheims? Dafür ziehen sich scheinbar natürlich gewachsene aber in Wahrheit wohl von den Planern des Patriarchen gezirkelte Straßen mit Villen und normierten Siedlungshäusern über die Hügel. Ganz oben weitere Geschenke des Patriarchen an die Gemeinde: die Kathedrale – eigentlich nur Stadtpfarrkirche – und die Schulen.

Die Residenz des Großen findet man heute nicht mehr. Sein Schloss, in den 1890er-Jahren auf einem Felsen über dem Fluss zwischen Stadt und Fabrik erbaut, wurde 1945 von Plünderern niedergebrannt. Aber da war der Herr der Stadt schon gut sieben Jahre tot. Beim Spazierengehen fällt mir in einer Gasse am Fuße des Felsens ein verfallendes Häuschen im historistischen Stil auf, das nicht an Ort und Stelle zu passen scheint. Die Recherche ergibt später, dass es das Portiershäuschen war, das einst den Fußweg zur Residenz auf dem Hügel bewachte.

Ja, und die Fabrik gibt es natürlich auch noch. Nur beschäftigt sie heute nicht mehr fast alle Menschen der Stadt.

Und ich steige wieder ein und betrachte durch die Scheiben die Lichter der Stadt, die im Dunkeln davonziehen.

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Published in: on 27. Oktober 2011 at 22:55  Schreibe einen Kommentar  
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