Warum es noch Männer und Frauen gibt


„Blödsinn!“, werden vielleicht viele sagen, „Was soll das? Männer und Frauen gibt es eben, Tatsache!“

Stimmt aber nicht. Vom naturwissenschaftlichen Standpunkt betrachtet gibt es mindestens drei Geschlechter unter den Menschen. Schon die Genetik unterscheidet nach dem genetischen (Karyo-)Typ der Geschlechtschromosomen Männer, Frauen und mehrere Spielarten intersexueller Menschen.

Die strikte Zweiteilung der Gesellschaft in „Männer“ und „Frauen“ ist dagegen ein sozio-juristisches Konzept. Die Existenz von früher meist als „Zwitter“ bezeichneten zwischengeschlechtlichen Menschen ist zwar immer schon bekannt gewesen, jene wurden aber früher stets als „krankhaft“ oder „abartig“ gebrandmarkt, wobei regelmäßig kein Unterschied zwischen genetisch- körperlichen oder seelischen Ursachen und Erscheinungsformen gemacht wurde.

Warum ist das bis heute so? Warum steht „männlich“ oder „weiblich“ in einer Geburtsurkunde oder in einem Reisepass und nicht einfach „menschlich“?

Nun, an die Unterscheidung knüpfen sich bis heute bedeutsame Rechtsfolgen:

  • Die meisten Staaten lassen eine Eheschließung bis heute nur zwischen heterosexuellen Paaren zu. Ein österreichischer Standesbeamter muss sich daher vom Geschlecht der Brautleute überzeugen, bevor er eine Trauung vornehmen darf. Paare, die nicht nachweisen können, dass in ihren Papieren jeweils „Mann“ und „Frau“ steht, sind auf die eingetragene Partnerschaft beschränkt.
  • Frauen oder Männer dürfen öffentliche Einrichtungen, etwa eine Sauna, Garderoben- oder Duschräume, nicht betreten, wenn diese dauernd oder tageweise Personen des jeweils anderen Geschlechts vorbehalten sind.
  • Das Geschlecht bestimmt, in welcher Justizanstalt eine Freiheitsstrafe vollstreckt wird, und in welcher Abteilung man als Untersuchungshäftling einsitzt.
  • Männer müssen mit 18 zur Stellung  (und dann meist zum Bundesheer oder zum Zivildienst), Frauen dürfen sich freiwillig zum Militärdienst melden.
  • Das Geschlecht im Ausweis legt fest, wer dir bei einer Sicherheitskontrolle am Flughafen oder bei einer polizeilichen Durchsuchung körperlich nahekommen darf.
  • Für Frauen und Männer gilt ein unterschiedliches Alter für den Anfall einer regulären Alterspension der gesetzlichen Sozialversicherung.
  • Eine Frau darf in der katholischen Kirche nicht Priesterin werden, in keinen Männerorden eintreten und ist auch in anderen Religionsgemeinschaften – für die gesetzliche Diskriminierungsverbote in Kernfragen des Glaubens nicht gelten – von verschiedenen Funktionen und Ämtern ausgeschlossen.
  • Frauen werden gesetzlich aber verschiedentlich auch positiv diskriminiert, etwa in der Weise, dass bei einer Stellenbesetzung im öffentlichen Dienst bis zur Erreichung einer bestimmten Quote unter mehreren gleich qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern einer Frau der Vorzug zu geben ist.
  • In den meisten Sportarten bestimmt das Geschlecht, in welcher Mannschaft, in welcher Liga oder mit welchen Leistungsvorgaben du mitmachen kannst.

Das sind nur die Fälle, die mir aus dem Stegreif oder nach kurzer Überlegung einfallen. Die gesetzliche Unterscheidung zwischen zwei Geschlechtern spiegelt sich aber auch hundertfach in der Verwaltungspraxis wider, etwa bei der Kategorisierung von Datenbanken der Kriminal-, Sicherheits- und Verwaltungspolizei. Daraus resultiert die tief sitzende Sorge etwa des Innenministeriums, ein Verzicht auf dieses Unterscheidungs- und Suchkriterium (oder eine erleichterte Vornamensänderung) könnte es „bösen Menschen“ aller Couleurs ermöglichen, ihre Spuren zu verwischen oder ihre Identität zu verschleiern.

Früher gab es noch viele, viele Fälle mehr. Ich möchte nur daran erinnern, dass Frauen jahrhundertelang vor allem in vermögensrechtlicher Hinsicht gesetzlich unter der Vormundschaft des Vaters oder Ehemanns gestanden sind, kein aktives oder passives Wahlrecht ausüben durften, und auf bestimmte Berufs- und Bildungswege beschränkt waren.

Was schließe ich nun daraus? Vor allem ist jeder Schritt zur sozialen Gleichberechtigung von Frau und Mann – aber auch von hetero- und homosexuellen Menschen – ein Schritt, um die Geschlechter-Zweiteilung der Gesellschaft obsolet zu machen. Ganz kann und soll sie auch nicht beseitigt werden, denn es gibt zahlreiche naturwissenschaftlich begründete Unterschiede zwischen den biologisch-genetischen Geschlechtern. Aber ebenso, wie es heute zu Recht als rassistisch und absolut unzulässig gälte, die Hautfarbe und den abstammungsmäßigen Typus (etwa überholte Begriffe der Rassenlehre à la „negroid-europider Mischling“) in Geburtsurkunden oder Ausweise einzutragen, brauchen wir langfristig keine vom Staat vorgenommene Einteilung in die rechtlich begründeten Zwangskategorien „Mann“ oder „Frau“ mehr.

Was aber nichts daran ändern wird, dass es sozial weiterhin zu geschätzten neunzig Perzent Männer und Frauen geben wird. Nur wird eben nicht jede/r davon schon gleich nach der Geburt im rosa oder blauen Strampelhöschen gesteckt haben. Und es wird wohl auch eine gewisse Zahl von Menschen geben, die sich nicht festlegen und bewusst einen switchenden, androgynen oder intersexuellen Lebensstil pflegen werden, weil das ihrem Charakter und ihren emotionalen Bedürfnissen am besten entspricht.

Es sollte ein wenig wie in der Sauna sein. Früher gab es eine strikte – auch als gesetzlich geboten erachtete – Trennung nach Geschlechtern, weil man dort ja nackt ist. Ich kann mich noch erinnern, wie in den 1970ern die Einführung eines gemischten Saunaabends im öffentlichen Bad einer Kleinstadt für ein gewaltiges Raunen an der Tratschbörse gesorgt hat. „Na, sagen’s, wer geht da aller hin?“, wollte jeder wissen, und man erregte sich an der Vorstellung von glotzenden männlichen Voyeuren, exhibitionistischen „Weibsbildern“ und allgemeinen Sexorgien im Ruheraum. Heute ist die gemischte Sauna der Regelfall und eine nach Geschlechtern getrennte Saunalandschaft ein Extra, das nur mehr große Badeanstalten anbieten.

Und die Welt, sie dreht sich weiter wie zuvor!

Edit: 16. Jänner 2012, einige kleinere, vor allem stilistisch bedingte Verbesserungen vorgenommen.

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Published in: on 8. Januar 2012 at 14:51  Schreibe einen Kommentar  
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