Ich und mein Bart


Ich bin genetisch ein Mann, also habe ich von Natur aus einen Bart.

Wääh, Haare im Gesicht! Im Grunde sagt das schon alles. Ich finde Bärte im allgemeinen weder schön noch nützlich, sie sind, ebenso wie andere Körperhaare, ein Restposten der Evolution, eine Erinnerung an eine Zeit, als die Menschen noch primitive, kaum geheizte Behausungen bewohnten, und Kleider mühsam erjagt (Fell) oder gewebt (Stoff) werden mussten.

Für die Tivi bzw. den Transvestiten ist der Bart eine Quelle ständigen Ärgernisses und ständiger Kompromisse.

Ein Bartschatten muss überschminkt werden, das sieht mitunter unnatürlich aus, hält nicht ewig (also Vorsicht, wenn man damit rechnen muss, in einem fremden Bett aufzuwachen! ;-)), und bei großer Hitze ist dickes Make-up zumindest gewöhnungsbedürftig.

Denke ich in den Kategorien der rationalen Vernunft und der Logik, spricht also praktisch alles dafür, den Bart kosmetisch dauerhaft entfernen zu lassen. Die Laser-Epilation hat in den letzten Jahren einige Fortschritte gemacht, ein paar Sitzungen, und das Problem wäre behoben oder zumindest doch deutlich gemildert. Leisten könnte ich es mir wohl auch (und es würde sich auf Dauer durch Ersparnis bei Rasierklingen und Rasierschaum wahrscheinlich sogar ökonomisch rentieren).

Bart möchte ich mir ja sicher keinen stehen lassen, und die paar neugierigen Fragen und Blicke, die es vielleicht gibt….auch nicht anders als bei meinen Gel-Fingernägeln aus dem Nagelstudio, denke ich.

Trotzdem gelingt es mir nicht, eine entsprechende Entscheidung zu treffen, etwa einen Termin zu vereinbaren. Dabei wäre es wahrscheinlich ganz einfach: ein paar Websites checken, die eine oder andere Freundin nach ihren Erfahrungen fragen, bei ein oder zwei Organisationen bin ich auch dabei, deren Mitgliedern bei einschlägigen Einrichtungen sogar Rabatte gewährt werden.

Aber ich schaffe es nicht!

Zum einen ist da die persönliche Scheu vor dem Unwiderruflichen. Ja, man kann es wohl auch Feigheit nennen. Bartentfernung bedeutet einen klaren Schritt von der Männlichkeit hin zur Weiblichkeit. Vielleicht habe ich einfach Angst, dass dieser Schritt meine nach eigenem Urteil gefundene und sorgfältig gewahrte Balance der Gender-Rollen (~ 25 % Frau : ~ 75 % Mann) aus dem Gleichgewicht bringen könnte? Vielleicht fürchte ich, dass meine transvestitische Existenz in Richtung Transsexualität ins Rutschen geraten könnte? Vielleicht hängt an diesen hunderten oder tausenden lästigen Haaren und Härchen auf Hals, Kinn und Wangen doch mehr, als ich mir eingestehen möchte!

Zum anderen ist da die Sorge vor einer neuerlichen Beziehungskrise. Ich weiß, dass meine Freundin den Mann an und in mir liebt, die Frau ist ihr im günstigsten Fall gleichgültig. An meinem Bart liegt ihr zwar überhaupt nichts – am liebsten hätte sie, dass ich mich zweimal täglich rasiere! -, aber an Symbolen meiner Männlichkeit möchte sie wohl nicht so gerne kratzen. Vor längerer Zeit hat sie zwar selbst einmal gemeint, man sollte die „blöden Stacheln ganz wegmachen“ (oder so ähnlich), doch heute höre ich von ihr besorgte Äußerungen, es habe jemand (aus ihrer Verwandtschaft) gemeint, ich schaue „immer femininer“ aus. Was für mich fast schmeichelhaft ist, macht ihr Angst. Sie fürchtet, der Mann, den sie liebt, könnte Stück für Stück verschwinden.

Wie soll ich mich mit ihr aussprechen, wie ihr die Angst nehmen, wenn ich vielleicht mit mir selbst nicht im Reinen bin?

Ich und mein Bart, mein Bart und ich, das scheint noch eine Hass-Liebe von gewisser Dauer zu bleiben! 😦

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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. tolles blog. schön zu lesen.

  2. Es gibt auch echte Damen mit Bart,
    und je älter umso bärtiger . . .


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