Ein Terrorist aus grauer Vorzeit als Ikone von Bürgerrechtlern?


Die Anhänger des schattenhaften Hacker-Kollektivs Anonymous verwenden die traditionelle Maske des Herrn Guy Fawkes als eines ihrer Symbole. Mir ist natürlich klar, dass die Maske über einen Comic-Roman, die Graphic Novel V for Vendetta, in diesen Kontext gerutscht ist.

February 11th, 2012 Protest anti ACTA in Munich

Guy Fawkes-Masken während einer Anti-ACTA-Demonstration in München, Februar 2012; Quelle: Wikimedia Commons

Dennoch ist sie ein sehr fragwürdiges Symbol – ebenso fragwürdig wie die ganze Anonymous-Bewegung. Denn Guy Fawkes war kein Guter! Guy Fawkes war ein englischer Berufssoldat, ein Söldner, der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in einigen Heeren diente. 1605 war er der führende Kopf einer Gruppe katholischer Fanatiker, die plante, die gesamte Elite des Königreichs England (König James I und die Mitglieder beider Häuser des Parlaments jedenfalls) mit einem Schlag auszulöschen. Eine von Guy Fawkes beschaffte und vorbereitete Sprengladung von einigen Tonnen Schießpulver sollte den Westminister-Palast während der jährlichen Parlamentseröffnung am 1. November 1605 zerstören und das Signal für einen katholischen Umsturz bilden. Diese Schießpulver-Verschwörung (englisch „Gunpowder Plot“) wurde durch Verrat vorzeitig entdeckt, und Guy Fawkes landete mit den meisten seiner Komplizen am Galgen.

Oder, anders gesagt, Herr Guy Fawkes und Genossen waren rückwärtsgewandte religiöse Fanatiker und Terroristen, die Al-Qaida des 17. Jahrhunderts, bloß in christlicher Verkleidung.

Anonymous wiederum ist aus meiner Sicht die digitale Version einer Bürgerwehr, eine Macht der Eigenmacht, die sich hinter Anonymisierungsservern, konspirativen Ritualen und der Fratzenmaske eines katholischen Uralt-Terroristen verschanzt. Und dass sie über gewisse Macht verfügt, hat sie bereits mehrmals bewiesen. Niemand kann sagen, gegen wen sie sich morgen wenden wird. Niemand kann überhaupt sicher sagen, ob sich hinter dem angeblichen Netz von Cyber-Guerrileros im Dienste der Bürgerrechte nicht am Ende gar „Sie“ verstecken – die Agenten des „bösen“ Staates und seiner kapitalistischen Drahtzieher, die eine Drohkulisse hochziehen, um den nächsten Angriff auf Freiheitsrechte zu orchestrieren? Höchst unwahrscheinlich natürlich, aber ich vertraue keinen selbsternannten „Freiheitskämpfern“ ohne Namen und ohne Gesicht.

Edit 1. Mai 2012: Die Medien-Website futurezone.at hat einen sehr guten und zum Thema passenden Kurz-Essay über „Das Dilemma der Maske“ veröffentlicht.

 

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Published in: on 24. März 2012 at 20:11  Comments (1)  
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  1. Es ließe sich vermutlich ausgiebig darüber zanken, wie weit die Analogien wirklich tragen. Eine kleine Ergänzung nur: Das harmlose „Guy Fawkes landete mit den meisten seiner Komplizen am Galgen“ hieß – auch wenn sich Fawkes dem vollen Ritual entziehen konnte – Hängen, Ausweiden und Vierteilen (http://en.wikipedia.org/wiki/Hanged,_drawn_and_quartered).

    Eine gar lustige Strafform für (Hoch-) Verrat, die 1715 sogar ins allgemeine englische Versammlungsrecht („Riot Act“) geriet, wenn auch kaum mehr zur Anwendung kam.

    Womit man doch wieder bei der Frage anlangt, wie weit die Analogien tragen, denn so viel Blut tropft wohl kaum aus den Maskeraderien neuerer Verschwörer.


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