Ich fühle, also streit‘ ich!


Eine meiner hauptsächlichen Freizeitbeschäftigungen in letzter Zeit ist die Mitarbeit bei Transgender.at, genauer gesagt: der Dienst als ehrenamtliche Moderatorin im dortigen Forum.

In Wien gibt es eine alte, heute – da leicht antisemitisch gefärbt – mit Vorsicht zu gebrauchende metaphorische Redewendung für laute Streitigkeiten:  „Da geht’s zu wie in der Judenschul‘!“ (= Synagoge), eine Anspielung auf die sprichwörtliche Streitfreudigkeit der Rabbiner in theologischen Fragen.

Ich würde das nach nicht ganz einem Jahr Forumsbetrieb variieren: „Da geht’s zu wie im Transgender-Forum!“

Eine gewisse Streitfreudigkeit kann man uns tatsächlich nicht absprechen! Würde ich mich auf das Setzen klischeehafter Pointen kaprizieren, hieße es: da paaren sich egozentrische Diven-Allüren und machomäßige Rüpelhaftigkeit zu einer fast unerträglichen Mischung! Das Schlechteste aus beiden Gender-Welten, gewissermaßen.

Und es sind tatsächlich fast ausschließlich Transfrauen, also Mann-zu-Frau-Transsexuelle, die sich mitten im Getümmel hervortun, sekundiert von der einen oder anderen Tivi. Männer beteiligen sich praktisch gar nicht.

Die ernsten Themenkreise (Depathologisierung und Leistungspflicht der Krankenkassen, medizinische Fragen der geschlechtsangleichenden körperlichen Behandlung, Probleme beim Coming-Out und Diskriminierung am Arbeitsplatz, um drei wesentliche zu nennen) brauchen wir gar nicht unbedingt zum Streiten. Denn fast jedes Thema kann irgendwann entweder ins Allgemein-Politische oder ins Persönliche abgleiten, und schon gibt es Raum für gröbste Kontroversen. Leider geht dabei immer wieder auch ein Riss durch das Moderator/inn/en-Team, der uns lähmt (Transgender.at ist ein Projekt einer unabhängigen Privatperson, wir sind also weder gewählt noch von irgendeiner Organisation delegiert worden).

Zuletzt hatten wir eine heftige Zankerei, weil eine Userin mit literarischen Ambitionen Teile ihres Buches vorab im Forum veröffentlicht hatte (ein Schelm, wer da an die englische Phrase „fishing for compliments“ denkt!). Auf meinen nicht-öffentlichen Hinweis, dass eine Veröffentlichung (unter einer CC-Lizenz, wie in den Forumsregeln festgelegt)  bei der Suche nach einem Verlag schaden könnte, hat sie mit einem heftigen öffentlichen Protest reagiert, wie gefühllos das Forum doch sei, weil es ihren Ambitionen schaden und ihr Urheberrecht klauen wolle! Die Frau wollte  einfach nicht einsehen, dass und warum Publikationen in diesem Forum unter einer CC-Lizenzierung erfolgen! Gut, in dieser speziellen Frage haben wir inzwischen einen Kompromiss gefunden, den auszuhandeln ein Drittel der Zeit benötigt hätte, wäre das Ganze nicht öffentlich und von vielseitigen Zwischenrufen begleitet vor sich gegangen!

Ich glaube aber inzwischen schon, dass eine abweichende Gender-Identität gerne einer gewissen Neigung zu Egozentrik und Sturheit die Hände reicht. Ich, ich, ich! Vieles davon ist wahrscheinlich nicht ererbt sondern erlernt, das bedauerliche Nebenprodukt eines harten Kampfes, um sich in einem schweren sozialen Dilemma zu behaupten und durchzusetzen. Leider ist oft, wie es scheint, auch viel Empathie und Fähigkeit zum Zuhören unter diesem Panzer begraben worden! Und von Egozentrik bin ich wohl auch selbst nicht ganz frei.

Dabei ist unsere kleine Community ohnehin permanent von der Spaltung bedroht. Die große aber im Forum großteils stille Mehrheit bilden Transvestiten wie ich. Sie sind mehrheitlich auf Spaß und ein diskretes Ausleben ihrer weiblichen Seite aus. Unter den transsexuellen Menschen gibt es wiederum eine radikale Minderheit, die Solidarität ablehnt und einer scharfen (dichotomischen) Trennung in Männer und Frauen das Wort redet, wobei Transsexuelle nach einer geschlechtsangleichenden Operation (gaOP) zum nunmehr auch äußerlich sichtbaren Wunschgeschlecht gezählt werden. Jede Graustufe, jede Personenstandsänderung ohne gaOP, jede Assoziierung mit anderen Transgendern wird abgelehnt, insbesondere Transvestiten und Transmenschen ohne Wunsch nach einer gaOP werden verspottet und als „schädlich“ gebrandmarkt. Aus unerfindlichen Gründen nennt man diese dogmatische Pseudo-Elite unter den Transgendern die „Realos“. Bisher ist es uns gelungen, entsprechende Kontroversen aus dem Forum heraus zu halten, aber das kann sich in jeder Sekunde ändern!

So betreibt eine kleine, exponierte Minderheit ohne politische Relevanz  (mit Rückendeckung am ehesten noch bei Grün und Rot) munter weiter Selbstzerfleischung und Zwetschkenkernspaltung! Und sollte uns irgendwann tatsächlich ein kalter politischer oder sozialer Wind ins Gesicht blasen, werden wir keine Stimme und keine schlagkräftige Vertretung haben, um unsere Interessen zu wahren.

Eine Userin des Forums führt sinngemäß folgendes Motto (in extragroßen Lettern) in ihrer Signatur:

„Ich lebe nach dem Kompass meiner Gefühle! Stört man meinen Weg, werde ich zur Furie!“

Schön, ja, von mir aus! Manchmal wäre es aber ganz gut, nicht nur den Emotionen freies Spiel zu lassen, sondern auch nachzudenken! Und das gilt für uns alle!

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  1. Nun ja, eine abweichende Geschlechtsidenität wie sie bei Transsexualität/Transidenität vorliegt ist im Kern leider ein massives Problem mit dem eigenen Ich bzw. der eigenen Persönlichkeit. Dieser Umstand begünstigt Egozentrik gerade zu. Man versucht die eigenen Probleme, die man mit sich selbst hat, irgendwie zu lösen und beschäftigt sich intensiv damit. Aber zu einer Lösung führt das selten, sondern viel eher einer Verschlimmerung der eigenen Situation, die letztlich den Umgang mit anderen Menschen extrem verkompliziert und teilweise zu unhaltbaren Situationen führen, weil man nicht mehr rational handelt. Die Unfähigkeit, die eigenen Probleme zu lösen, führt zu dieser extrem Fixierung auf die Probleme, bis zu dem Punkt an dem es nichts anderes mehr gibt.
    In diesem Sinne halte ich eine begleitende Therapie für Transsexuelle gerade zu unabdingbar, um diese Fixierung zu lösen und einen vernünftigen Umgang mit anderen Menschen zu erleichtern. Diese Fixierung auf die eigenen Probleme, die eigene Situation und das eigene Ich als Persönlichkeitsstörung zu deuten erscheint mir durchaus plausibel. Immerhin ist es in so einem Zustand extrem schwer mit der Umwelt rational zu interagieren.Wenn man dann wieder so weit ist, das man mit sich selbst und anderen vernünftig umgehen kann, dann ist die Personlichkeitsstörung ja nicht mehr vorhanden. Es geht doch dabei nicht darum, als verrückt, krank oder irre abgestempelt zu werden, sondern darum aus diesem Zustand rauszukommen und zu lernen mit den eigenen Problemen anders umzugehen. Die eigenen Probleme dürfen eben nicht den eigenen Alltag beherrschen, aber ohne therapeutische Hilfe ist das eigentlich unmöglich zu erreichen. Mein elementares Problem, daß ich eine Frau mit dem Körper eines Mannes bin, wird sich weder wegrationalisieren, noch wegdisskutieren lassen. Ich kann nur lernen damit so umzugehen, daß es mich und mein Leben nicht über Gebühr beeinflußt. Das geht aber nicht mit irgendwelchen Selbsttherapeutischen Versuchen, daß geht nur mit der Hilfe von jemanden, der für sowas ausgebildet ist.
    Ich kann es nur noch mal sagen, ich bin froh daß ich therapeutisch betreut werde, daß macht es wesentlich einfacher mit meiner Transsexualität umzugehen. Und ich denke auch, würde ich an Stelle dieser Therapie einfach nur eine HRT und einen Brustaufbau bekommen, wäre ich heute bei weitem nicht so weit, wie ich mit Therapie bin.
    Und ich denke auch, wenn sich eine Transsexuelle so extrem egozentrisch aufführt, dann kann man zu mindestens mutmaßen, daß diese Fixierung auf die eigenen Probleme immernoch akut ist. Der Lernprozess, wie man damit umgeht steht dann wohl noch aus.


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