Krankheit als Verführung


Wenn sie auf der Straße einem Menschen begegnen, der sichtbar im Alkohol- oder Drogenrausch herumtorkelt, sie vielleicht gar anpöbelt, was denken sie dann?

Ich weiß das natürlich nicht. Aber ich kann ihnen den Unterschied zwischen heute und vor dreißig Jahren in der sozial korrekten Beschreibung dieses Menschen verraten:

  • „Dieser Mensch ist ein Säufer/Junkie!“ (anno 1983)
  • „Dieser Mensch ist ein Suchtkranker.“ (anno 2013)

Wahr ist beides. Was macht den Unterschied? Die Krankheit macht den Menschen weniger angreifbar, enthebt ihn eines Teils der moralischen Verantwortung für seinen Zustand, besiegelt seinen Anspruch auf die Hilfe der Gesellschaft. Wer säuft oder Heroin drückt, handelt sozial verwerflich und soll einfach damit aufhören. Wer aber krank ist, dem muss geholfen werden! Was natürlich auch Nachteile hat. Man begibt sich in Abhängigkeit zu anderen. Man gibt einen Teil der Kontrolle über sein Leben auf. Man schuldet anderen Dank und Gegenleistungen für die gewährte Hilfe.

Die „Flucht in die Krankheit“ ist eine Stiefschwester der „Flucht vor der Verantwortung“. Und paradoxerweise geschieht dies alles in einer Welt, die danach zu streben scheint, den Zufall auszurotten und für jedes Ereignis endlose Kausalketten zu konstruieren, die zu einer oder einem „Schuldigen“ führen (und ist der Schuldige nachweislich tot, dann muss es, wie im unseligen „Fall Kampusch“, eine herbeifantasierte „Verschwörung“ gewesen sein).

Wir suchen permanent nach Schuldigen, lehnen aber Eigenverantwortung zunehmend ab. Das Risiko einer Krankheit – einschließlich einer selbst (mit-) verursachten – „trägt eh die (Sozial-) Versicherung!“, für das Geld auf der – außergewöhnlich hohe Zinsen versprechenden – Bank „haftet die Einlagensicherung“, gegen den Staatsbankrott hilft „irgendein Rettungsschirm.“ Selbst ein Kleinunternehmer kann sich heute vom persönlichen Risiko des wirtschaftlichen Scheiterns durch Gründung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung problemlos und kostengünstig weitgehend freikaufen, ja er wäre oft ein Narr, wenn er es nicht täte! Der Bankier Gustav von Epstein, der nach dem Börsenkrach von 1873 sein Privatvermögen großteils darauf verwendete, sein Bankhaus still zu liquidieren und allen Kunden ihre Einlagen auszuzahlen, wäre heute die Lachnummer der Wiener Gesellschaft.

Um auf das Risiko der Krankheit zurückzukommen: wer hat nicht schon einmal „krankgefeiert“, die fehlende Bereitschaft der Ärzte ausgenutzt, eine Kranke oder einen Kranken streng zu beurteilen, und sich damit ein paar freie Tage auf Kosten des Arbeitgebers (oder der Krankenkasse) extra verschafft? Wer hat nicht von irgendeinem Fall im öffentlichen Dienst gehört oder gelesen, in dem jemand mit der schwer einzugrenzenden Diagnose „Burn-Out-Syndrom“  schon Monate oder gar Jahre im Krankenstand verbracht hat? „Ich leide am Burn-Out-Syndrom!“ klingt doch auch ungleich schöner als das bloße Eingeständnis, zur sozial fragwürdigen und unerforscht klingenden Gruppe der Melancholiker zu gehören! Melancholikerinnen und Melancholikern gewährt man auch keinen Krankenstand sondern höchstens den Ratschlag, sich um eine „bessere Diagnose“ zu bemühen (unzynisch gemeinter Hinweis: ein guter Tipp wäre „F32.1 –  Mittelgradige depressive Episode“ laut ICD-10).

Die Grenzen zwischen dem, was Mitgefühl verdient, und dem, was bloß ein Schutzschirm für Fragwürdiges ist, verschwimmen auf diese Weise. Es ist nicht mehr klar, ob Krankheit etwas Erschreckendes oder etwas Verführerisches ist.

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Published in: on 14. April 2013 at 16:54  Comments (3)  
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3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Manchmal ist es keine Flucht vor der Verantwortung, sondern einfach der gesündere Weg. Außerdem kommt es immer noch auf das Ausmaß und die Art des Konsums an, und auf die Umstände.

    In jeder Gesellschaft gibt es kaputte Menschen, und sie sollte die Verantwortung für sie auch wahrnehmen. Es hilft niemandem, wenn man stigmatisiert wird.

  2. Nun, mir scheint die Verfasserin hat sich nicht wirklich mit dem Themengebiet beschäftigt, auch fehlen hier offenbar fundierte Informationen aus erster Hand. In meinem Familienkreis sind mehrere Personen mit chronischen und/oder unheilbaren Erkrankungen und ein Verleugnen dieser Erkrankungen ist nichts anderes als grob fahrlässiges Handeln. Wer so tut als würde ihn die eigene Erkrankung nicht beeinträchtigen, der belügt nur sich selbst und andere. Sich selbst der eigenen Situation zu stellen und zu sagen irgendetwas kann ich einfach nicht, weil es außerhalb meines Leistungbereiches liegt, dass ist mutig und verantwortungsbewußt. Also das krasse Gegenteil von Flucht und Verführung.
    Aber wir brauchen uns auch nichts vormachen, wer ernsthaft erkrankt ist und das wo möglich für den Rest seines Lebens, der wird immer von anderen abhängig sein, ob er wil oder nicht. Er wird immer wieder an Grenzen stoßen, die für gesunde Menschen nicht existieren. Wem dieser Gedanke zu wider ist, der sollte besser inständig darum beten, daß er von derartigen Schicksalen verschont bleibt, sonst könnte es passieren das er an seiner neuen Lebenssituation zerbricht.

    • Also jetzt ist genau das passiert wo von ich Anfang August geschrieben habe. Bei einem engen Familienmitglied verläuft die Krankheit so ungünstig, daß diese den Alltagsablauf massiv einschränkt. Damit ist die Ausübung eines Berufes nicht mehr möglich und der Alltag muß kompeltt umstrukturiert werden, um den Auswirkungen der Krankheit zu begegnen. Das bedeutet letztlich auch finanzielle Einschränkungen und Abhängigkeit vom Partner. Für einen Menschen, der gerade mal Anfang 30 ist, ist soetwas ein unglaublicher Schicksalsschlag. Das hat nichts mit der Flucht in die Krankheit zu tun, wenn der eigene Körper einem plötzlich den Dienst versagt. Kurzfristig kann man die Symptome und die Warnsignale vielleicht ignorieren, aber sicherlich nicht auf Dauer. Den eigenen Körper über Gebühr zu beanspruchen wird unweiglicher zu Problemen führen, weil man sich nur selbst schadet. Man muß sich den neuen Gegebenheiten anpassen oder man verliert den Lebensmut.


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