Rostige Kufen


Gestern war ich zum ersten Mal in diesem Jahr auf dem Eislaufplatz. Auf dem Eis war ich als Mann.

Schön war es. Aber doch. Irgendwie bin ich eingerostet. Oder sind es die Schlittschuhe? Gut, die sind für mich immer noch neu. Dabei habe ich sie schon vor fast einem Jahr gekauft. Mir kommt es vor, als wären die Kufen weniger spurgenau als ihre Vorgänger und immer auf dem Sprung, mehr mit mir als Passagier übers Eis zu schlittern als  scharf und präzise zu laufen. Dabei habe ich sie nach den ersten Laufversuchen im Geschäft noch einmal auf Garantie nachschleifen lassen, rein technisch sind die Dinger sicher in Ordnung. Es sind Schlittschuhe des Hockey-Typs für Hobbyläuferinnen und -läufer, also mit vorne und hinten geschwungenen Kufen. Auf solchen Schlittschuhen laufe ich, seit ich vor etwa zehn Jahren wieder mit dem Eislaufen begonnen habe, nach meinen Maßstäben sicher und problemlos. Nur leider ist beim Vorgängerpaar ein Plastikteil gebrochen, das nicht geflickt werden konnte.

Die ersten Runden war ich sehr wackelig unterwegs. Dann ist es etwas besser gegangen, Dann, nach einer Stunde und einer Pause fürs Punschtrinken, war ich schon wieder etwas müde. Oder war ich nur verkrampft? Oder macht das Laufen auf unsicheren Beinen und mit ungelockerten Muskeln einfach müde(r)?

Man sagt, ich laufe auf dem Eis, so wie ich im ganzen Leben unterwegs bin: sehr vorsichtig und peinlich bestrebt, Verletzungen zu vermeiden. Tatsächlich bin ich in den letzten Jahren kein einziges Mal gestürzt. Doch ich beneide irgendwie die Anderen, die Jüngeren, auch um ihre Unbefangenheit. Ohne die fällt es schwer, Fortschritte zu machen. Manche bewegen sich ja auf dem Eis, als wären sie nicht aus Fleisch und Blut sondern eine Figur in einem Videospiel, wendig und unverwundbar! Wenn man sich, so wie ich, stets fragt: „Was passiert hinter mir?“,  wird man nie unverkrampft rückwärts laufen können. Wenn man vor dem Sturz und dem Schmerz Angst hat, wird man nie eine neue Bewegung, einen ungewohnten Schritt wagen. Und ich rede hier nicht von Sprüngen oder schwierigen Figuren beim Eiskunstlauf! Von solchen Herausforderungen bin ich ohnedies meilenweit entfernt.

Vielleicht wird es ja in der nächsten Woche anders und besser. Dann darf wieder Tanja ihre Runden drehen. Vielleicht gibt es ja in der weiblichen Herzkammer eine Ecke, die noch etwas Platz für jugendlichen Übermut hat!

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Published in: on 28. November 2013 at 13:17  Comments (1)  
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  1. Sind solche Gleichnisse nicht schon fast zu biblisch? Wir haben doch alle Angst vor Verletztungen, Unfällen und anderen schlimmen Dingen. Wir gehen alle durchs Leben und hoffen davon verschont zu werden.Wenige Menschen sind echte Hasardeure, die sich Hals über Kopf ins Abenteuer stürzen und den Nervenkitzel suchen.Aber jeder Mensch steht immer wieder vor Entscheidungen welchen Weg er nun gehen soll und jeder wählt den, der ihm am erfolgreichsten erscheint. Dabei muß der sicherste Weg nicht immer der sein, der einem erfolgreich erscheint. Immer anzunehmen, daß dort wo man am wenigsten verlieren kann, man auch am meisten Erfolg hat, ist bei der Komplexität unseres Lebens oft zu einseitig gedacht. Innere und äußere Einflüsse machen es uns nicht immer möglich auf Nummer Sicher zu gehen.Wer immer auf der sicheren Seite sein will, der tritt sehr oft einfach auf der Stelle. Ob das gut oder schlecht, muß jeder für sich selbst entscheiden, aber wenn man sich selbst wie ein Spielball des Schicksals fühlt, dann ist das schon ein Hinweis auf mögliche Sorgen. Niemand hat die vollständige Kontrolle über sein Leben, aber gar keine oder zu wenig Kontrolle zu haben ist auch nicht gut. Letztlich fühlt man sich dann nicht gut. Natürlich kann man die Ursachen immer außen suchen, aber manchmal kann es auch helfen selbstkritisch zu sein. Auch ich mußte lernen, daß viele Dinge die ich nach außen projektiert habe letztlich ihren Ursprung in meinen eigenen Ängsten hatten. Verschwinden diese Ängste da durch? Nein, aber ich kann lernen anders damit umzugehen, dann sehe ich Dinge in einem anderen Licht und meine Gefühle beeinflussen mich nicht mehr so wie früher.
    Ich denke die Fähigkeit zur Selbstkritik und ein vernünftiger Umgang mit den eigenen Gefühlen ist für jede Transgender-Person wichtig, wir können nicht darauf vertrauen, daß andere uns als normal ansehen und wir können nicht ewig darauf warten das es endlich soweit ist. Sonst zieht das Leben an uns vorbei, ohne das wir teilnehmen können. Wir müssen versuchen es selbst zu gestalten und dafür müssen wir lernen mit Fehlschlägen und Misserfolgen umgehen zu können. Unbefangenheit kann man lernen, wie sonst soll eine Transfrau wie ich, mit so einem verzwickten Lebenslauf, es geschafft haben mit so einem schweren Thema wie Transsexualität so locker umzugehen. Emotional bin ich eigentlich eher angreifbarer als andere Menschen, aber trotzdem konnte ich lernen unbefangen zu sein.


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