Das Jahrhundert aus Dampf, Stahl und Strom


Am Neujahrsmorgen 2014 geschrieben.

2014 werden wir des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 gedenken. In diesem Jahr endete, geistig und als Geschichtsepoche, das 19. Jahrhundert.

Begonnen hat es, so jedenfalls meine Lesart, mit dem Wiener Kongress 1815. Wo die Mächtigen Europas das Fundament für eine feste, konservative Weltordnung legen wollten. Daraus wurde bekanntlich nichts.

Das 19. Jahrhundert ist für mich die faszinierendste Geschichtsepoche. Alle Probleme unserer Zeit wurzeln in ihr. Die Menschen des 19. Jahrhunderts erfanden die technologische Hybris, den Fetisch beständigen Wachstums und die Möglichkeit der haltlosen Ausbeutung der fossilen Energiereserven des Planeten Erde. Sie erforschten die Natur und überwanden Gott und sämtliche metaphysischen Schöpfungsmythen durch die Erkenntnis, dass der Affe nicht neben dem Menschen geschaffen wurde sondern in einer genetischen Linie vor dem Menschen liegt. Aus der Evolutionstheorie folgte der grausame Fehlschluss, dass das Stärkere immer das Bessere sein muss und jeder Verlierer, egal ob Art, Klasse, Nation oder Individuum, nach den Naturgesetzen zum Untergang verdammt ist und kein Erbarmen verdient. Hier finden wir die neuen geistigen Grundlagen oder Wurzeln von Kolonialismus und Rassismus.

Es ist der Dampf, der jenes Jahrhundert kennzeichnet. Unzählige Schlote und Rauchfahnen, Eisenbahnen und Dampfschiffe, das beständige Pochen immer größerer und kraftvollerer Maschinen, funkenumloderte Hochöfen, kreisende Räder, tickende Telegrafen, am Ende dann die unsichtbare, geheimnisvoll summende Macht der Elektrizität und der  universell einsetzbare Verbrennungsmotor.

Dazu ein Tsunami des Wissens und der Information, Telegraf, Telefon, täglich gedruckte Zeitungen, Bücher in gewaltiger Auflage.

Letztlich wurden alle Chancen vergeben und alle Risiken verwirklicht. Rückblickend betrachtet wurden im 19. Jahrhundert die Schwerter geschmiedet, mit denen sich die Menschheit seit 100 Jahren selbst verstümmelt.

Am Beginn das 20. Jahrhunderts, als viele meinten, dass die Mühen der Ebene überwunden waren, folgte dann der Fall – und mit ihm eine neue Epoche.

Sie sind großteils mit Optimismus erwacht und an ihr Tagewerk gegangen, die Menschen des 1. Jänner 1914.

Mit welchen Gefühlen erwachen wir heute?

Prosit 2014!

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Published in: on 1. Januar 2014 at 10:13  Comments (1)  
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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. Nun, ohne die Aufklärung, die dieser Epoche voran ging, würden wir immernoch in einer gottgewollten Welt- und Standesordnung leben. Ob das für uns als Individuen und für unsere persönlichen Freiheiten so erstebenswert wäre, wage ich zu bezweifeln. Die Industrielle Revolution und der wissenschatliche Fortschritt des 19. Jahrhunderts ist eine fast schon logische Folge dieses Paradigmenwechsels. Mit all seinen Wundern und Schrecken, denn selten wurden Erfindungen und Entdeckungen gemacht, die der Menscheit ausschließlich Nutzen brachten, das meiste brachte auch Nachteile mit sich. Vor allem immer dann, wenn Politiker oder Militärs großes Interesse an einer Neuerung hatten. Was natürlich neu war, war der bedingslose Glaube an die Wissenschaft, der vielfach den Glauben an Religion, Ehtik und Moral ersetzte. In meinen Augen eine äußerst ungünstige Herangehensweise, da die Wissenschaft die Welt und die Naturgesetze nur beschreibt, aber nicht bewertet und uns keine Verhaltensrichtlinien vorgibt. Somit wurden moralische und ethnische Werte bestenfalls durch eine Pseudo-Moral ersetzt. Die Nachwirkungen dieser neuen Denkweise spürt man noch heute, dafür braucht man nur die Wirtschaft und alle damit verbunden Bereiche ansehen, das ganze hat einen wissenschaftlichen Überbau erhalten und damit sind dort Moral, Ehtik und Skrupell nicht gerne gesehen. Man folgt Marktgesetzen, analog zu Naturgesetzen, und das genauso emotionslos wie in der Wissenschaft. Aber selbst Wissenschaftler stehen vor dem Dilema, daß sie nur ihrer Arbeit ohne moralischen Wert nachgehen können, für alles brauchen sie wieder einen moralischen Kompass.


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