Weil es nicht um die Wurst geht!


Der Sieg der Conchita Wurst als Kandidatin Österreichs und des ORF beim Eurovision Song Contest (ESC) ist eine außerordentlich politische Sache. Natürlich singt sie ausgezeichnet, und das Lied dürfte beim Geschmack von Jury und Publikum kein Risiko eingegangen sein. Aber ein schwuler Sänger, der in der Bühnenrolle einer eleganten Frau mit Bart Karriere macht und damit nahezu alle möglichen Geschlechts- und Geschlechtsrollen-Grenzen durchkreuzt, das ist natürlich ein unbestreitbarer genuin-queerer Triumph. Und als solcher wurde er wohl auch erdacht und erwogen.

Dass Conchita in einem Interview den Satz „Ich weiß nicht, ob er zuguckt. Aber falls ja, sage ich ganz klar: Wir sind unaufhaltbar“ in Richtung des russischen Diktators – „Präsident“ erscheint mir inzwischen als ein etwas verharmlosender Begriff – Wladimir Putin abgeschossen hat, zeigt ganz klar, dass ihr Sieg beim ESC den Kontinent weniger in Friede, Freude und Musik vereinen als weiter spalten könnte. Spalten in eine Rechte, die die Gesellschaften „des Westens“ für „schwul“ und dekadent hält und im faschistoiden Weg Russlands den richtigen Weg sieht, und die Anhänger/innen einer freien und toleranten Gesellschaftsordnung. Aber das ist nicht Conchitas Schuld, sie hat diese Tatsache nur verdeutlicht.

Ich glaube nicht, dass Putin Conchita darauf antworten wird. Aber irgendeine Form von Antwort der Rechten werden wir sehen.

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3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Tja, meine Freundin sah den Auftritt und kommentierte es mit den Worten: „Der Typ verarscht Menschen wie dich! Stell sich mit Bart und Glitzerkleid auf die Bühne und du nimmst unglaubliche Schmerzen auf dich und zahlt viel Geld nur um den scheiß Bart los zu werden. Ja, schönen Dank auch!“
    Natürlich kann man nun endlos darüber disskutieren, ob auf Grund persönlicher Erfahrungen befangen ist oder ob sie irgendwas verfalsch aufgefasst hat, trotzdem bleiben es ihre Gedanken und ihre Meinung, die sie dazu geäußert hat. Und im Kern davon steckt sogar ein Fünkchen Wahrheit, nämlich das es bei Geschlechtsindenitätsstörungen nicht um Bühnenshows, Glitzerkleider oder Bärte, sondern das banale Problem einigermaßen normal und selbstzufrieden leben zu wollen.

    Ich hingegen frage mich, ob das ganze nicht ein bloßer Ablass-Handel war, für einen Travestie-Künstler beim ESC anzurufen ist schnell, bequem und kostet nur einen kleinen Obolus. Nach vollbrachter Tat kann man sich dann auf die Schulter klopfen für die große Toleranz, die man an den Tag gelegt hat. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Menschen, die für Österreich gestimmt haben, letztlich dann auch breit sind transidenten Menschen gegen die alltäglichen Diskriminierungen beizustehen. Ich fürchte den meisten wäre das dann wieder zu viel Aufwand und da endet dann die Toleranz.

    • Aber ja, natürlich gibt es Unmengen von ungeniert-opportunistischen Kommentaren zu Conchitas ESC-Erfolg. Sogar FPÖ-Chef H.C. Strache soll sich zu einer (leisen) Gratulation auf Facebook veranlasst gesehen haben. Klar, beim Siegen möchte nachher jede/r dabei gewesen sein! Das ist immer so.

      Was ich nicht ganz akzeptieren kann, sind Kommentare wie der von Phoebe. Das heißt, ich glaube, die psychologischen, die emotionalen Wurzeln des Matschkerns über Conchita Wurst zu verstehen, wenn es von Trans*Menschen (bzw. nahen Angehörigen) kommt. Aber ich sage doch „Stopp!“, weil ich es für falsch halte, hier aus einem Bauchgefühl heraus zu kommentieren. Hätte besser ein Donkosaken-Chor (lauter g’standene Mannsbilder mit Bart!) aus Russland oder der Männergesangsverein „Georg Schönerer“ aus Groß-Kleckersdorf mit seiner Interpretation der „Wacht am Rhein“ gewinnen sollen? Da gewinnt mal eine echt queere Persönlichkeit im Zeichen der Toleranz, und es ist wieder nicht allen LGBTIs recht, weil Conchita Wurst angeblich eine Travestie auf Transfrauen sein soll. „Hallo! Erde an Raumschiff TG, das war Showbiz!“ Der „Arbeitskreis Transgender-Probleme“ konnte leider vom ORF nicht zu einer Vorlesung über die Alltagsprobleme von Transfrauen nach Kopenhagen entsendet werden!

      • Tja, schon komisch, daß du keine Meinungen akzeptieren kannst, die mit deiner nicht konform gehen und du Stopp sagen mußt.
        Niemand aus meinem Umfeld hat ein gutes Haar an Frau Wurst gelassen und warum? Weil sie sehr genau wissen, daß es Showbiz ist. Meine Freunde und Familie sagen ganz klar: Frau Wurst braucht keine Toleranz oder Sympathie, du könntest das viel eher gebrauchen.
        Nun, möchte man hier immernoch Stopp! rufen oder behaupten sowas darf man nicht sagen?
        Also frag dich selber ob Frau Wurst Toleranz nötig hat und je nachdem wie du die Frage für dich selber beantwortest, wirst du vielleicht verstehen, wie meine Familie zu solchen Kommentaren kommt.
        „Ein Zeichen der Toleranz“ ist übrigens ein schönes Schlagwort und dazu fällt mir noch eine Äußerung meiner Cousine ein, die sie mir gegenüber Anfang des Monats machte: „Ich finde Bewerbungen von Transsexuellen sollten bei unser Stadtverwaltung oder unserer Landesregierung besonders bevorzugt behandelt werden, damit unsere Politiker mal ein Zeichen für Toleranz setzen.“

        Also feier angeblich großen Sieg der Toleranz in Europa, aber wenn andere hier nur Lippenbekenntnisse sehen würde diese Kritik sehr genau hinterfragen.

        Und in diesem Sinne ist mir Conchita vollkommen Wurst, für mich bedeutet es nicht und ändert der Sieg beim ESC nichts. Herr Gott noch mal, wir war es völlig egal wer gewinnt, mich hat nur interessiert ob die Ukraine mehr Punkte als Russland bekommt, da kann man wenigstens noch von Sympathie und Antipathie sprechen und für die Ukraine haben letztlich auch angerufen und nicht für Österreich. Mir ging es am Popo vorbei ob ein Travestie-Künstler auf einer Toleranzwelle zum Sieg glitt, in zwei Wochen kräht kein Hahn mehr danach und es wird auch nichts ändern, trotzdem werden queere Menschen in Europa jetzt nicht toleranter behandelt. Oder willst du das nächste mal, wenn du auf der Straße angepöbelst wirst Frau Wurst zu Hilfe rufen?


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