Reform, da pfeif‘ ma doch drauf!


Möchten Sie nicht auch ein Stück? Re-form, das Ding zergeht doch geradezu auf der Zunge! Die Medien und alle politischen Parteien sind sich einig: Reformen werden gebraucht! Für alles, aber auch wirklich alles: Schule, Asylrecht, Bundesstaat und Datenschutz. Wer bietet mehr? Gut, über das „Wie“ bzw. das „Was“ herrscht Dissens, aber das Prinzip stellt niemand in Frage.

In der Gesetzgebung wäre ein Begriff wie „geplante Obsoleszenz“ zum Beispiel ganz fehl am Platz. Bei Gesetzen würde ein Ablaufdatum manchmal sogar Sinn ergeben. Nein, hier müsste man regelmäßig von reformobsessiver, kalkulierter Disfunktionalität sprechen. Von Rechtsvorschriften, deren effektiver Vollzug gar nicht möglich ist, und die meiner Meinung nach oft nur in Kraft gesetzt werden, um die nächste „Reformdiskussion“ in Gang zu bringen. Das Regelwerk der Verträge der Europäischen Union und ganz besonders der Währungsunion ist dafür ein Musterbeispiel.

In der Technik lohnt es sich gar nicht mehr, jede Schraube am neuen Gerät festzuziehen, weil es schneller im Entsorgungscontainer landen wird, als eine schlecht sitzende Schraube bräuchte, um sich durch die Erschütterungen während des kurzen Gebrauchs zu lösen.

Und zeigen sie mir ein Unternehmen nennenswerter Größe, das sich in den letzten zehn Jahren nicht mindestens zweimal getreu dem Diktat von Mode und Marketing „neu erfunden“, seine Organisation umgekrempelt oder sich zumindest mit einem neuen Logo geschmückt hat.

Alles vielleicht einfach ein Irrtum.

Ich behaupte: keine kollektive, unausgesprochene Sehnsucht ist heute so tief wie die nach Stabilität, Gleichgewicht und Beständigkeit. Wir alle möchten eigentlich beharren, auf festgefügten Pfaden wandeln und mit sicheren Größen kalkulieren, anstatt ständig das Faktum um die Ohren gehaut zu bekommen, dass die Dinge von Gestern nichts mehr wert und alles bisherige Wissen bloß gut für den Mistkübel ist. Warum noch etwas lernen, warum etwas planen und gestalten (und sich dabei Mühe geben, ein gutes Ergebnis zu erzielen!), wenn wie das Amen im Gebet nach dem Abschluss der Arbeit prompt die Diskussion beginnt, wie die nächste Veränderung aussehen „muss“? Die Reform als Selbstzweck.

Für den Politiker ist die Sache klar: eine „Reform“ ist das Kernstück jeder politischen Aufwärmübung und Spiegelfechterei. Das Wort gehört (aber bitte im Dutzend!) in jede Regierungserklärung und in Kombination mit dem Adjektiv „erfolgreiche“ in jeden Rechenschaftsbericht. Nach dem Sinn fragt heute noch keiner, aber, bitte schön, man hat doch was geleistet, was weitergebracht, oder? „Klick!“, Foto bitte – Minister Gschaftlhuber gratuliert Frau Dr. Schießmichtot zur Ernennung zur Reformkoordinatorin für die Produktsicherheit von Katzenklos -, und dann die Erfolgsmeldung auf Twitter loslassen! Die Bösen, das sind die anderen, die Blockierer, die keine Veränderung möchten! So wird munter eine Kulisse der bemühten Geschäftigkeit hochgezogen. Was vergessen wird ist, dass Politikmachen nicht in Konzepten und Rechtsvorschriften sondern nur im Gestalten echte Spuren hinterlässt. Eine echte Reform wird also erst im Vollzug sichtbar. Der Reformvollzug lässt sich bloß schwer für den nächsten Tweet fotografieren…

Gäbe es eine Partei des Stillstands, die versprechen würde, alles dafür zu tun, damit sich in den nächsten fünf Jahren möglichst wenig verändert, meine Stimme hätte sie! Einmal Atem schöpfen. Einmal auf Reformen pfeifen! Und stattdessen ohne Hektik einfach nachdenken. Vielleicht sogar über Veränderungen.

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Published in: on 9. September 2015 at 16:33  Schreibe einen Kommentar  
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