Die kleine Hölle im Umzugskarton


Ich hasse Veränderungen. Die schnellen, die ruckartigen jedenfalls. Ich liebe die Kontinuität und das, was wächst und Schritt für Schritt vorwärts macht.

Und jetzt steht wieder einmal eine private Übersiedlung an. Mein Mietvertrag läuft nach zehn Jahren ab. Meine Freundin und ich möchten eine neue, gemeinsame Wohnung. Eine Wohnung ist gefunden, ein Mietvertragsentwurf samt Zusage von Eigentümer und Hausverwaltung liegen vor, einen Termin für Vertragsunterzeichnung und Schlüsselübergabe gibt es auch schon.

Also werde ich ab 1. Juni damit beschäftigt sein, meinen Hauptwohnsitz in eine nagelneue Maisonette in einer anderen Wiener Vorstadt zu verlegen. Dachgeschoß, zwei Etagen, kleine Loggia/Terrasse. Nicht besonders groß für zwei, aber die Lage war uns wichtig, und mehr Wohnraum in den Bezirken Eins bis Neun können wir uns halt nicht leisten.

Jetzt kommt die Übersiedlung – die gefürchtete Veränderung, die ruckartige. Hunderte Kleinigkeiten und Detailfragen, die mir nächtelang den Schlaf rauben werden. Welche Umzugsfirma, welcher Termin, wieviele Kartons? Telefon, Kabelfernsehen, Satellitenfernsehen, Internet, elektrischer Strom, Haushaltsversicherungen, welche Verträge kündigen wir, welche können wir auf den neuen Haushalt übertragen, welche müssen wir neu schließen? Möbel, Einrichtungsgegenstände und Hausrat werden ein echtes Problem werden. Die neue Wohnung liegt in einem ausgebauten Dachgeschoß, also sind Dachschrägen zu berücksichtigen, und das schränkt die für hohe Kästen geeigneten Aufstellflächen deutlich ein. Wir werden mehr Kommoden, Truhen und Laden brauchen. Und wir haben natürlich zu viele Teller, Gläser, Töpfe, Pfannen und Küchenbesteck. Wer trennt sich von welchen Sachen? Wie werden wird die Überschüsse los? Verkaufen, verschenken, wegwerfen? Brauchen wir die Sperrmüllabfuhr? Und dann wäre da natürlich noch die Frage der Räumung meiner jetzigen Wohnung. Werde ich sie ausmalen lassen, wie es im Mietvertrag steht, oder riskiere ich einen Rechtsstreit? Es gibt mehrere Verbesserungen, die ich gemacht habe. Kriege ich dafür eine Ablöse und von wem? Bekomme ich meine Kaution anstandslos zurück, oder wird die Vermieterin Spompanadeln  machen?

Und all das in ein, zwei, drei Monaten! Ich bräuchte – neben ein paar Möbelpackern – einen Übersiedlungsorganisator, einen Verkaufsagenten, einen Entsorgungsbeauftragten und vielleicht am besten gleich auch noch einen Rechtsanwalt, einen mit allen Wassern gewaschenen Experten für Wohnrechtsfragen (nur für alle Fälle).

Dann könnte ich (vielleicht) in den nächsten Wochen und Monaten ruhig schlafen. Aber das kann ich mir nicht leisten. Also werde ich mir selber einen Weg durch die diese kleine, gemeine Hölle voller Fußangeln suchen müssen.

Published in: on 19. April 2015 at 19:10  Hinterlasse einen Kommentar  
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Rasterfahndung nach den Depressiven?


Auch wenn es auf den ersten Blick nicht einleuchtet, es gibt einen kleinen, dünnen fast unsichtbaren Draht zwischen dem Thema Transgender und dem Absturz von Germanwings Flug 4U9525 in den französischen Alpen. Wobei ich davon ausgehe, dass die herrschende Theorie des vorsätzlich durch den Co-Piloten herbeigeführten Absturzes auch stimmt (die Chancen, dass es nicht so war, stehen inzwischen wohl so etwa eins zu einer Million).

Der verbindende Draht ist die Angst vor dem Bekanntwerden einer Erkrankung, einer Schwäche, eines sozialen Makels.

Herr L, der noch am Anfang seiner Karriere stehende 2. Pilot, scheint unter Depressionen gelitten zu haben. Aber er hat sie wohl bekämpft und versteckt zugleich, hat hier vielleicht einmal zaghaft eine Therapie begonnen, sie dann wieder abgebrochen. Immer in dem Dilemma lebend: meine Berufspflichten verlangen, dass ich eine Verschlechterung der Fluglinie melde – aber dann bin ich den Job los, wahrscheinlich für immer. Und im Hinterkopf vielleicht alte Stereotypen: Krankheit ist Schande, ist Schwäche. Piloten aber sind stark, müssen stark sein! Am Vormittag des 24. März 2015 muss ihn dann plötzlich ein Gefühl der Ausweglosigkeit umklammert haben, nachdem er eine ärztliche Krankschreibung ignoriert hatte: “Sie werden es rausfinden, alles ist aus!” Und dann riss er 149 unschuldige Menschen mit sich in den Tod. Ich glaube nicht, dass es eine von langer Hand geplante Wahnsinnstat war.

Transgender kennen ein ähnliches Gefühl. Man schwankt zwischen dem Wunsch, offen und ehrlich mit seiner abweichenden Geschlechtsidentität umzugehen, und der Angst vor Verlusten: Verlust des Jobs, der Beziehung, der Familie, des Freundeskreises, der sozialen Reputation überhaupt. Ängste, die oft bei nüchterner Betrachtung oder rückblickend übertrieben sind. Man versucht es mit Grätschen und Verrenkungen. Man findet manchmal, je nach TG-Spielart, Kompromisse oder Zwischenlösungen. Manchmal bricht man durch und findet einen geraden, kompromisslosen Weg ins Freie. Manchmal aber auch nicht.

In den Nachwehen der Flugzeugkatastrophe brodelt es bereits beunruhigend im Medienkessel, summst es im Web und gurgelt es in den Eingeweiden der Politik. Der Abnormale, der Kranke als Bedrohung, so lautet die neue Verdachtslage. “Aber da muss man doch etwas dagegen tun!” Und schon kommt es raus, bricht der Aktionismus durch und findet einen geraden, kompromisslosen Weg in die Überwachungsgesellschaft: Weg mit der Schweigepflicht der Ärzte, her mit der neuen Meldepflicht! Vertrauen war gestern, Kontrolle ist heute! Mehr Psychotests, legen wir neue Datensammlungen an, auf zur Rasterfahndung nach den Depressiven! Denn wer weiß, vielleicht stehen sie ja alle schon vor den Fliegerschulen Schlange? Und da gibt es auch noch andere Macken, die bedrohlich werden könnten….

Sind sie jetzt beunruhigt, fürchten sie die kommenden Kontrollen, haben sie jetzt Angst um ihren Job, das Sorgerecht für ihre Kinder, ihre Pilotenlizenz, ihren Führerschein? Depression muss nicht das Ende sein! Leiden sie still weiter und lernen sie, wie man das Leiden maskiert und im Alltag funktioniert. So wie auch Andreas L den psychologischen Eignungstest für die Pilotenausbildung bei der Lufthansa bestanden hat.

Und halten sie sich in der Zukunft besser von Ärzten und Therapeuten fern!

Nachtrag am 1. April 2015: In den letzten 24 Stunden ist publik geworden, dass der Co-Pilot 2009 als Berufsanwärter eine vorangegangene “depressive Episode” der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa, an der er ausgebildet wurde, gar nicht verheimlicht hat. Nach allem, was man derzeit weiß, wurde er dann nochmals getestet, für tauglich befunden, und konnte die Ausbildung abschließen. Also eigentlich Vertrauen und Kontrolle, beides jedoch im Ergebnis fatale Irrtümer.

Fratzenbuchs großer Fehltritt


Eigentlich wollte ich “Fuck-up” in den Titel schreiben, aber “Schön sprechen!” und so, gewisse Regeln aus Volksschultagen vergisst man halt nie. Und die Alliteration (zwei Substantive, die mit dem gleichen Konsonanten beginnen) klingt ja auch so ganz schön.

Facebook steigt also auf die queere Seife, rutscht aus, macht einen Rückzieher und entschuldigt sich. Es geht um den neuen Fetisch mancher Medien und von Teilen der Web-Industrie, den ebenso unsinnigen wie unseligen “Klarnamenzwang”.

Natürlich hat sich Facebook nie bei “den Drag-Queens” entschuldigen müssen. Diesen Begriff hat irgendeine/e ungebildete/r Medienmitarbeiter/in ins Spiel gebracht, weil einige der Protestierenden aus Kalifornien sich selbst zu dieser Gruppe zählen und sich im Licht der Kameras wohlfühlen. Von diesen Damen gab es daher schnell und einfach das gewünschte Foto zur Geschichte. Leider klebt das Medien-Etikett, und selbst der Autor eines kürzlich veröffentlichten und gründlich recherchierten Beitrags bei heise online (“Klarnamen-Zwang: Facebook entschuldigt sich bei Drag Queens” vom 2. Oktober 2014) erliegt der Versuchung. Dabei hat sich Facebook-Manager Chris Cox ausdrücklich bei allen Betroffenen aus der LGBT-Gemeinschaft entschuldigt, und das Problem geht, wie auch im verlinkten Artikel festgehalten ist, sogar noch weit über diese Gruppe hinaus.

Betroffen ist schlicht und einfach jeder Mensch, der eine kontroversielle Meinung vertritt oder einen sozial auffälligen Lebensstil lebt. Gäbe es einen umfassenden Klarnamenzwang im Web, dann gäbe es mehr als ein Web, oder das Web, wie wir es seit Mitte der Neunzehnneunzigerjahre kennen, wäre ein fader Tummelplatz für stromlinienförmige Jasager/innen, die brav auf jeden Bestelllink klicken, jedem Modetrend folgen, den die Medien ansagen, und als gute Bürger/innen ihres Landes politisch korrekt handeln. Alle anderen hätten die Folgen ihres Andersseins (vom simplen Shitstorm bis hin zur öffentlichen Steinigung) zu tragen.

Hoppla, vielleicht wäre das für einige der Beteiligten aus Geschäftsinteresse ja gar keine soooo bedrohliche Perspektive? Für die Sicherheitsbehörden wäre es ohnehin der anzustrebende Normalzustand.

Ich bin nicht auf Facebook. Ich stehe lieber, was den Vernetzungsfaktor und die Publizitätseffizienz angeht, in der hundertdritten oder sechstausendneunhundertsechzigsten Reihe, als meine Daten Facebook oder Google+ anzuvertrauen. Natürlich weiß ich, dass ich im Web nicht anonym bin (aber immerhin wird dieser Blogeintrag mit dem Tor-Browser geschrieben). Natürlich weiß ich, dass auch die Eigentümer von wordpress.com wirtschaftliche Interessen verfolgen. Aber die beiden wohlbekannten Internetriesen haben auf Grund ihrer Macht und des Drucks ihrer Kapitalgeber die Sensibilität für Fragen der Privatsphäre längst verloren oder bewusst abgelegt.

Hat LGBT also hier das Match gegen das Fratzenbuch gewonnen? Ein wenig insoweit, als die PR-Abteilung offenbar die Konzernleitung überzeugen konnte, dass ein queer-freundliches Image derzeit (noch) mehr wert ist als die Durchsetzung der eigenen Langzeitstrategie (welche lauten könnte: “Ein Facebook-Account pro Mensch weltweit, aus dessen Daten sich einfach und schnell ein genaues Persönlichkeitsprofil ableiten lässt”).

Facebook möchte zwar den Gebrauch eines Pseudonyms, das im Alltag verwendet wird, gestatten, wünscht sich aber immer noch eine Authentifizierung. Wie passt z.B. ein Transvestit da hinein? Müsste Tanja Werdenberg, die weniger als 50 Prozent meines Lebens ausmacht, bei Facebook also ihr Pseudonym ablegen? Müsste ich meinen bürgerlichen Namen bei Facebook Inc. hinterlegen, um einen Tanja-Werdenberg-Account behalten zu dürfen? Letzteres würde ich ganz sicher nicht machen! Das Verteufelte an der Sache ist, dass viele Menschen heute schon beinahe auf Facebook angewiesen sind, um ihre Freizeit zu organisieren (“Wir schreiben uns eh auf Facebook”), darunter auch einige Tivis, die ich kenne.

Ich werde mit Spannung beobachten, wie die Sache weitergeht!

Gut gemeint, furchtbar schlecht gemacht


Das kommt heraus, wenn ein österreichisches Bundesministerium eine Reihe von Expertinnen und Experten in ein Zimmer sperrt, ihnen den Auftrag erteilt, das Rad neu zu erfinden, und das Ergebnis anschließend von Angehörigen der hauseigenen Bürokratie politikgerecht durchspülen lässt: „Empfehlungen für den Behandlungsprozess bei Geschlechtsdysphorie bzw. Transsexualismus nach der Klassifikation in der derzeit gültigen DSM bzw. ICD“

Der Verein TransX hat dazu folgenden offenen Brief an die Bundesministerin für Gesundheit veröffentlicht:

“Sehr geehrte Frau Bundesministerin,

WIR LASSEN UNS NICHT UNHEILBAR KRANK MACHEN!

Wir lehnen die vom Bundesministerium für Gesundheit im Juli veröffentlichten und nun schon zweimal revidierten „Empfehlungen für den Behandlungsprozess bei Geschlechtsdysphorie bzw. Transsexualismus nach der Klassifikation in der derzeit gültigen DSM bzw. ICD“ ab: Sie bezeugen kein Verständnis von Transsexualität, fordern Psy*s absurde Stellungnahmen ab und sind dank des Vorliegens internationaler Empfehlungen eine provinzielle Groteske.

Dilettantismus

An der Erstellung hat über 2 ½ Jahre lang ein Expertengremium gearbeitet. Die Endfassung wurde in dem Arbeitskreis nie diskutiert, sondern ministeriell erlassen. Sie strotzt von fachlicher Inkompetenz. Viele Experten wurden übergangen und vor den Kopf gestoßen.

Verständnis von Transsexualität

Für die Behandlung verweist das BMG auf eine Diagnose nach DSM 5 oder ICD 10, ohne festzulegen, welche der beiden teils widersprüchlichen Diagnosen anzuwenden ist. Dabei wird dem DSM 5 unterstellt, dass dessen Geschlechtsdysphorie eine Spannung zwischen dem Geburtsgeschlecht und dem empfundenen Geschlecht sei. Tatsächlich geht es aber um die Divergenz von zugewiesenen und empfundenen Geschlecht, welche ebenso wie der im ICD 10 definierte Transsexualismus durch einen Geschlechtswechel überwunden wird. Statt einer klaren Krankheitsdiagnose verlangt das BMG „die Prognose, dass die Geschlechtsdysphorie bzw. Transsexualismus aus heutiger Sicht (August 2014?) mit sehr großer Wahrscheinlichkeit als dauerhaft eingestuft werden kann“.

Dies ist in mehrfacher Hinsicht absurd:

  1. kann eine Prognose nichts über das aktuelle Leiden aussagen,
  2. ist Transsexualität nicht unheilbar, sondern i.d.R. durch einen Geschlechtswechsel überwindbar,
  3. haben Psychiater, Psychologen und Therapeuten keine Methoden, um die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Geschlechtswechsel zu bewerten.

Offensichtlich soll mit dieser Formulierung die Behandlung verzögert und verhindert werden. Eine dauerhafte Transsexualität kann nur erwartet werden, wenn die Betroffenen nach dem Geschlechtswechsel sofort wieder im anderen Geschlecht anerkannt werden wollen oder – worauf die Empfehlungen wohl abzielen – wenn Transsexuellen der Geschlechtswechsel verunmöglicht wird.

Personenstandsrechtliche Aspekte

Die Empfehlungen enthalten auch einen Abschnitt zur Personenstandsänderung, in dem das BMG den Standesämtern anweist, wann diese eine Personenstandsänderung infolge eines Geschlechtswechsel gemäß § 41 PStG 2013 registrieren sollen. Diese Kompetenzüberschreitung des BMG wird durch das Zitieren der Gesetzesquelle als §16 PStG gekrönt.

Hier werden erstmals medizinische Diagnosen zur Anerkennung des Geschlechts verlangt. Dafür ist auch die Dauerhaftigkeit der Transsexualität (nicht der Geschlechtsidentität) zu prognostizieren.

Profund beurteilt kann Ihre Geschlechtsidentität nur durch Sie selbst werden. Wer ein Geschlecht wählt, wird es auch leben. Und das ist auch vom Staat anzuerkennen.

Anerkennung der internationalen Empfehlungen

Die österreichischen Empfehlungen behaupten, sich an den internationalen Standards of Care (SoC 7) der WPATH zu orientieren. Tatsächlich haben sie mit diesen von Experten regelmäßig überarbeiteten Empfehlungen kaum etwas zu tun: zu wesentlichen Aspekten der Behandlung, etwa zur Hormontherapie, zur Behandlung Jugendlicher oder von Personen, die ohne psychiatrische Untersuchungen über Jahre hinweg Hormone genommen haben, schweigt sich das BMG-Dokument aus und beschränkt sich auf die Zulassung zu Behandlungen.

Österreichs Transsexuelle brauchen keine Sonderbehandlung. Brauchen unsere Fachärzte und Krankenkassen wirklich eine? Warum will man sich gerade für Transgender in Österreich von der Globalisierung abkoppeln?

Wir bitten Sie, sehr geehrte Frau Bundesministerin, diese Empfehlungen zurückzuziehen und die internationalen WPATH-Standards auch in Österreich anzuerkennen.

Mit freundlichen Grüßen

Eva Fels – TransX – Verein für TransGender-Personen

Wien, 11.10.2014″

Man kann auch mit einer Online-Petition gegen diesen Blödsinn protestieren: Wir lassen uns nicht unheilbar krank machen!
 

König Richard II.


Am 11. Juni 2014 konnten wir den 150. Geburtstag des Komponisten Richard Strauss feiern.

Richard der Zweite also – als den Ersten hätte Strauss selbst nur Richard Wagner gelten lassen, dessen getreuer Verehrer und gefeierter Interpret er zeitlebens war.

Wenn man seine Lebensgeschichte betrachtet, so war es ein Leben voll der Konsequenz in der Inkonsequenz. Der Musikersohn und Bierbrauerenkel begann als Avantgardist, den konservative Erziehung plus Erfolg zum Reaktionär, zum Bürger am Notenpult, werden ließen. Er war auf eine seltsame Art eitel, die nur im Stolz auf kreative Leistungen wurzelte. Er war ein Kaufmann unter den Komponisten, der seinen eigenen Wert an Aufführungszahlen und Tantiemenflüssen zu messen pflegte (weshalb er auch als Lobbyist für das noch heute geltende Urheberrecht unterwegs war). Sein Materialismus war manchmal skurril und fast schockierend. Am Ende des 2. Weltkriegs sah er in den Ruinen, die das Nazi-Regime hinterlassen hatte, vor allem das Problem, wo seine Werke in Zukunft aufgeführt werden sollten (er arrangierte schnell aus der Musik seiner Opern mehrere Orchestersuiten, damit auch ohne funktionierenden Bühnenbetrieb Aufführungsrechte vergeben werden konnten).

Die Verbrechen des Nazi-Regimes ließen ihn nicht kalt, entlockten ihm aber keine angemessene Reaktion, weder als Mensch, noch als Künstler. Noch mitten im 2. Weltkrieg komponierte er eine Oper über Liebeswirren und musikästhetische Fragen (“Capriccio” 1942), als ginge ihn das Weltgeschehen nichts an. Er versuchte, sich mit einer Mischung aus Arroganz und Opportunismus durchzulavieren – und scheiterte kläglich. Kollaborateur des Regimes als Präsident der Reichsmusikkammer, Unterzeichner regimetreuer Adressen und Bittbriefe sowie Dirigent einer selbstverfassten “Olympiahymne” für die Spiele in Berlin 1936 einerseits. Andererseits in Ungnade gefallener Vorlauter (ein sich sarkastisch über die Nazis äußernder Brief an seinen jüdischen Librettisten Stefan Zweig, 1935 abgefangen von der Gestapo, zwang ihn zum Rücktritt von allen staatlichen Ämtern), der noch 1943 vergeblich versuchte, mit Auto und Chauffeur am Tor des KZ Theresienstadt vorzufahren, um die Großmutter seiner jüdischen Schwiegertochter vor dem Tod zu retten. Nachdem ihn die SS-Wachen verscheucht hatten, beschloss Richard Strauss, für die restliche Dauer des NS-Regimes nicht mehr mutig zu sein. Aber er fand auch nach der Befreiung keine Worte und keine Töne. Vielleicht entzog sich das, was er flüchtig gesehen und erlebt aber nicht ganz verstanden hatte, auch seiner in einer älteren Welt verankerten Tonsprache. Als er 1949 starb, schloss sich auch der Grabdeckel über den dunklen Jahrzehnten des Kontinents Europa, und ein neuer Anfang lag in der Luft.

Max Liebermann, Bildnis Richard Strauss (1918); Quelle: Wikipedia

Und dennoch ein König! Kein Komponist verfügte über eine musikalische Palette dieses Umfangs, Klangfarben von solcher Raffinesse und größere Fähigkeit, Sprache und Musik in Bühnenwerken zu verbinden. Fast jedes seiner Werke berührt mich tief, wobei ich eine gewisse Schwäche – strenge Musikkritiker/innen mögen mich dafür schelten! – für die musikalische “Cinemascope-Ästhetik” der Zeit zwischen 1900 und 1920 nicht leugnen kann. Wenn ich emotional in ein tiefes Loch zu stürzen drohe, dann höre ich mir das Schlussbild der “Frau ohne Schatten” an, und wenn dessen strahlend helles Pathos mich nicht mehr aufheitern kann, dann schaffe ich es wohl nicht ohne Hilfe. Naja, und “Der Rosenkavalier”, das ist ja wohl die Oper für Crossdresser, mit einer Sängerin in einer Hosenrolle, die zwei halbe Akte lang auch noch einen jungen Mann spielt, der als Frau auftritt, auch wenn das dramaturgisch gut begründet scheint.

Das Theatermuseum des Kunsthistorischen Museums Wien zeigt im Palais Lobkowitz noch bis zum 9. Februar 2015 unter dem Titel “Trägt die Sprache schon Gesang in sich….” eine Ausstellung zum Thema Richard Strauss und die Oper. Die Schau ist zwar sehenswert, konzentriert sich aber meiner Meinung nach zu sehr auf die Präsentation der berühmten Entwürfe Alfred Rollers für Kostüme und Bühnenbilder zahlreicher Strauss-Aufführungen der Wiener Oper, die zum Besitz des Museums gehören. Auf kritische Fragen zum Leben und zum Werk des Komponisten wird weitgehend verzichtet – schade!

Was soll man da noch (viel) mehr sagen oder schreiben?


Manchmal, ja manchmal da nehmen einem andere Blogger ein Thema weg und bringen es auf den Punkt:

Michael Eisenriegler’s Repository – “Die Meinungsmutigen: Herr Rosam, vergessen Sie den Blödsinn!” (Eintrag vom 16. Mai 2014)

Dabei beschäftigt sich der Autor, wie er ja auch selbst betont, nur mit der praktisch-technischen Seite der Sache. Als ich die Ankündigung von Wolfgang Fellner, Herausgeber der Tageszeitung “Österreich”, ab 1. Juni 2014 nur mehr namentlich gezeichnete Postings in seinen Foren zuzulassen, gelesen habe, wollte ich mich auch wiehernd vor Lachen am Boden wälzen und alternativ aus Ärger über soviel Heuchelei rot anlaufen.

Also noch ein paar Worte von mir zur grundsätzlichen Bedeutung eines Ansinnens namens “Klarnamenzwang im Internet”.

Dieser Blog wird unter einem Pseudonym geschrieben. Es ginge auch gar nicht anders, da ich hier unter einem Frauennamen schreibe aber von Rechts wegen keine Frau bin. Nach den Regeln des Herrn Rosam dürfte ich das nicht, bzw. müsste ich z.B. die Userin Phoebe, meine häufigste Kommentatorin, dazu zwingen, den Namen zu nennen, der derzeit in ihren Papieren steht. Da ich aber weiß, dass sie eine transsexuelle Frau vor der Personenstandsänderung ist, würde sie wohl eher das Kommentieren bleiben lassen, als unter einem Männernamen zu publizieren. Uns geht es da wie vielen ehrlichen Whistleblowern oder dem Kronprinzen Rudolph vor 140 Jahren, der auch nur unter Pseudonymen Zeitungsartikel schreiben konnte.

Mit anderen Worten: diese Sache ist unausgegoren und riecht nach Lizenzzwang für Blogger und anderen feuchten Träumen von Diktatoren rund um die Welt. Ach ja, und, Herr Fellner, Herr Rainer, Herr Thurnherr und all die anderen Print-Medienmenschen, die mittun und wieder mal über “das Internet” lästern: Haben sie auch brav bei jeder/m Leserbriefschreiber/in den Namen und die Adresse notieren lassen und jedesmal eine Meldeauskunft eingeholt? Oder lassen sie vielleicht eh gleich diverse Leserbriefe von einem Praktikanten oder einer Praktikantin aus der Redaktion schreiben, womit sich die Überprüfung natürlich erübrigen würde?

Es ist weniger die Empörung über “Shitstorms” – seit wann ärgern sich Medienmacher über echte oder fabrizierte Skandale? -, es ist der pure Ärger darüber, dass solche Dinge außerhalb der Kontrollmacht der traditionellen Medien ablaufen, der da spricht!

Edit 21. Mai 2014: Eine für Transsexuelle missverständliche Formulierung geändert (siehe Kommentare).

Weil es nicht um die Wurst geht!


Der Sieg der Conchita Wurst als Kandidatin Österreichs und des ORF beim Eurovision Song Contest (ESC) ist eine außerordentlich politische Sache. Natürlich singt sie ausgezeichnet, und das Lied dürfte beim Geschmack von Jury und Publikum kein Risiko eingegangen sein. Aber ein schwuler Sänger, der in der Bühnenrolle einer eleganten Frau mit Bart Karriere macht und damit nahezu alle möglichen Geschlechts- und Geschlechtsrollen-Grenzen durchkreuzt, das ist natürlich ein unbestreitbarer genuin-queerer Triumph. Und als solcher wurde er wohl auch erdacht und erwogen.

Dass Conchita in einem Interview den Satz “Ich weiß nicht, ob er zuguckt. Aber falls ja, sage ich ganz klar: Wir sind unaufhaltbar” in Richtung des russischen Diktators – “Präsident” erscheint mir inzwischen als ein etwas verharmlosender Begriff – Wladimir Putin abgeschossen hat, zeigt ganz klar, dass ihr Sieg beim ESC den Kontinent weniger in Friede, Freude und Musik vereinen als weiter spalten könnte. Spalten in eine Rechte, die die Gesellschaften “des Westens” für “schwul” und dekadent hält und im faschistoiden Weg Russlands den richtigen Weg sieht, und die Anhänger/innen einer freien und toleranten Gesellschaftsordnung. Aber das ist nicht Conchitas Schuld, sie hat diese Tatsache nur verdeutlicht.

Ich glaube nicht, dass Putin Conchita darauf antworten wird. Aber irgendeine Form von Antwort der Rechten werden wir sehen.

Bumm-Bumm-Bumm!


Nein, das wird jetzt kein Kommentar zur angespannten Lage in der Ukraine. Heute beschäftige ich mich mit unernsten Dingen!

In der letzten Freitagnacht war ich strawanzen, wie man auf gut Wienerisch sagt. Schließlich bin ich, nach einer Zwischenstation im “Dots” (schräges Sushi-Restaurant und Bar/Lounge, am Wochenende mit eigenem DJ) in einer Disco gelandet, noch dazu im “Why not”, einem der bekanntesten queeren Clubs von Wien am Tiefen Graben, ungefährer Publikumsmix: etwa 80 Prozent Männer, mehrheitlich schwul, 20 Prozent Frauen, davon geschätzt die Hälfte neugierige Heteras, der Rest Lesben. Ab und zu mischt sich auch ein Mann-Frau-Pärchen in die Menge (–> neugierige Heteros). Ich mache mir nicht die Mühe, die Bi-Anteile zu schätzen! Als Spezialzutat jüngst mit im Mix: ein Transvestit (Tanja).

Im “Why not” wird es erst gegen Mitternacht wirklich lebendig, wenn der Dancefloor im Keller aufgesperrt wird, und der DJ seine Schicht beginnt. Und genau dorthin zieht es mich. Es ist die Neugier, ja die Neugier. Tanja ist keine Disco-Queen. Ich war in jüngeren Jahren immer konsequente/r Verweigerer/in aller Arten von rhythmischer Bewegung im Takt von Musik. Aber irgendwas muss da dran sein. Ausprobieren ist die Lösung!

Was das reine Wissen angeht, so verstehe ich auch wenig bis gar nichts von aktueller elektronischer Tanzmusik. Ich kann nicht einschätzen, ob der DJ sein Handwerk versteht. Ich habe bloß so ein Gefühl. Ich kann auch die verschiedenen Stile und Techniken nicht auseinanderhalten. Ich tanze auch nicht gut. Mein Rhythmusgefühl ist,,,,naja, nicht sehr gut halt, und mit fast 47 habe ich mich sicher auch schon gelenkiger und leichtfüßiger bewegt. Doch ich versuche es. Gut eineinhalb Stunden bewege ich mich zur Musik.

Tanja hat dafür eine recht bühnenreife Aufmachung gewählt: schwarzes, figurbetontes Kleid mit tiefem Ausschnitt, schwarze Pumps (mit nicht-zu-hohen Absätzen), Fishnets, rote Kurzhaarfrisur (keine Brille), Gürtel und Modeschmuck in Gold. Gut eineinhalb Stunden, bis lange nach Eins, drehe und wiege ich mich auf der Tanzfläche. Bumm, bumm, bumm hämmert die Musik, das Stroboskoplicht blitzt, und es ist ist betäubend und betörend zugleich. Es ist das, was ich Extase nennen könnte, wäre so etwas für mich möglich. Ich genieße es – doch ich bin nicht naiv. Ich hebe den Altersschnitt auf der Tanzfläche deutlich, und da sind sicher ein paar in der Menge, die hinter meinem Rücken über mich lachen.

Sollen sie doch! Es geht um mich, ich möchte hier Spaß haben, aus mir heraustreten, etwas Verrücktes tun! Ich will nur frei schwingen, Alkohol habe ich einigen im Verlauf des Abends konsumiert, doch ich suche weder andere Drogen (keine Ahnung, ob ich welche gefunden hätte) noch Sex (keine Ahnung, ob ich welchen gefunden hätte, schwule Männer mögen Tivis, aber eher nicht als Sexpartner/innen).

Als es am Schönsten ist, höre ich auf. Es ist gegen Zwei an einem eher kühlen Samstagmorgen im April. Um Zehn bin ich mit meiner Liebsten verabredet, und etwas Schlaf werde auch ich brauchen. Ich verlasse den Klub, in den immer noch Leute strömen, eher schnell und suche auf der Straße nach einem Taxi. Das “Bumm-Bumm-Bumm” klingelt noch lange in meinen Ohren.

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