Alex und die Busen-Neider


Alex, der schneit da einfach herein und bringt die schöne, heile Transgender-Welt durcheinander! Reißt dutzende von Transfrauen aus ihrer gemächlichen Ruhe, und lässt es in zwei bis drei Wassergläsern mit Orkanstärke stürmen!

Ich schreibe über den Menschen, der diesen Gastkommentar in einem Blog verfasst hat: Der Mannfrau: Leben ohne Gender-Stereotypen. Einen faszinierenden, mir im Grunde sympathischen Menschen mit kreativ-künstlerischem Hintergrund, der als Non-Binary lebt, das heißt, sich körperlich und dem Lebensstil nach weder fest dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen möchte. Allein das war für mich ein Anlass, mein eigenes TG-Glossar hier im Blog wieder einmal zu bearbeiten.

Vor diesem Artikel war er kurze Zeit recht aktiv im TransGender.at-Forum, das ich co-moderiere, bis er sich schmollend – und publizistische „Gegenschläge“ andeutend – wieder zurückgezogen hat (Abschiedsposting vom 20. September 2017). Aus meiner Sicht war die Ursache für seinen Ärger nicht so sehr die Kritik, die ihm von einigen Userinnen zuteil wurde, als vielmehr seine naive Erwartungshaltung beim Eintritt. Aber wenn jemand mit dem Anspruch, ein Profi zu sein und mit Profis (Fotograf/inn/en, Visagist/inn/en) zu arbeiten, auftritt und eine Fotoserie präsentiert, dann muss er auch entsprechende Kritik (also z.B. an Kleidung, Posen und Make-up auf Fotos) aushalten. Wenn jemand mit dem Anspruch, völlig anders als der Rest der betreffenden Peer-Group zu sein, in ein Internet-Forum kommt, sollte er es auch aushalten, wenn man seine ganz persönliche Rolle hinterfragt oder bezweifelt. Vor allem, wenn er der Gruppe den Eindruck vermittelt hat, es besser als alle anderen zu machen.

Alex hat bei mir den Eindruck hinterlassen, für seinen Lebensstil und seine Arbeit eine Welle uneingeschränkten Applauses erwartet zu haben. Die gab es aber nicht. Und das hat Alex gekränkt. Und so kam eines zum anderen.

Womit Alex jedoch Unmut und Protest hervorruft, sind Passagen wie die folgende:

Mit meinen schulterlangen Haaren und androgynem Look wurde ich schon oft als Frau angesprochen. Ich sah das nie als Beleidigung, sondern als Kompliment, da selbst bekennende Transgender ein derartiges „Passing“ nur selten schaffen. Immer, wenn ich selbst eine Trans-Frau auf der Straße sah, war ich entsetzt, wie sehr diese aus großer Entfernung auffiel und welche negativen Reaktionen sie bei den Menschen verursachte. War es das schlechte MakeUp, die überzogene Körpersprache, das übertrieben weibliche Outfit, oder doch einfach die männlichen Gesichtszüge, die massiven Schultern und die fehlende Hüfte, die sie verriet? Ob ich in der Masse von Menschen als Frau durchgehen könnte? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, als Mann weibliche Kleidung zu tragen, ohne aufzufallen bzw. lächerlich zu wirken?

Ich versuche die Botschaft, die Alex damit an andere Transgender, insbesondere an Transsexuelle sendet, einmal einfach zugespitzt in andere Worte zu übersetzen:

Ich bin toll. Auch ohne aufwändige Behandlungen habe ich als Non-Binary ein Passing als Frau, das Transgender selten schaffen. Die wirken meistens lächerlich und fallen auf. Und die haben einfach nicht den Stil, den ich als Profi habe! Wenn die einfach mir als Non-Binary nacheifern würden, ginge es ihnen besser.

So kommt das vermutlich ungefähr rüber.

Ich kann verstehen, wenn eine transsexuelle Frau bei solchen Aussagen vor Wut aufheult und ablehnend reagiert. Für sie sind ihr Leben und ihre Transition nämlich keine Fragen eines wählbaren Lebensstils sondern schlichte Notwendigkeiten. Ein schlechtes Passing, das das Geburtsgeschlecht erkennen oder auch nur erahnen lässt, kann für sie seelische Schmerzen bedeuten.

Und dann kommt die Passage, mit der Alex mehr oder weniger die Brücken zwischen sich und großen Teilen der TG-Gemeinschaft abbricht (Unterstreichungen von mir):

„Meiner Meinung basiert Transsexualität oft auf Männer mit Busen- und Feminismus-Neid, die mit ihrer gesellschaftlichen Rolle und dem beruflichen, privaten sowie sexuellen Druck nicht zurechtkommen bzw. überfordert sind und sich Besserung bzw. Absolution dadurch erhoffen, den Penis operativ zur Fake-Vagina operieren zu lassen und nach einem veralteten Frauenbild zu leben. Und dann komm ich daher und lebe ihnen vor, dass man sich nicht für ein Geschlecht entscheiden muss, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden und die Vorteile von Mann und Frau vereinen kann, was ihren gesamten Lebensweg anzweifelt.“

Das ist aus meiner Sicht eine Aussage an der Kippe zum Lächerlichen. Damit wildert er noch dazu auf einem Gebiet, das zu beurteilen er weder durch eigenes Erleben, noch durch eine fachliche Ausbildung qualifiziert ist. Ich glaube nicht, dass Alex die Gefühle einer Transfrau wirklich nachvollziehen kann. Auch ich kann sie nur mit dem Verstand zu erfassen versuchen. Und es klingt da ein wenig von einem messianischen Heilsversprechen durch: Folgt meinem Beispiel, ihr Transgender, tut was ich tue, lebt, was ich vorlebe, und alles wird gut, ganz ohne Psychotherapie, Hormone und Skalpell! Dazu kann man eigentlich nur lächeln und den Kopf schütteln.

Was auch immer Alex an Richtigem schreibt, was er gut beobachtet und durchschaut hat, was er Richtiges tut, um Gender-Stereotypen sozial und künstlerisch aufzubrechen, durch solche kurzsichtigen Aussagen macht er es zunichte und sich selbst in mancher Hinsicht zum feindseligen Außenseiter.

Es ist eigentlich jammerschade!

Advertisements

Prinzessin Viktor II.


Roter Wahlkampf am Rande der Depression

Noch 18 Tage bis zu den Nationalratswahlen. Wahlkämpfe, in denen es nicht rund läuft, können Depressionen verursachen. Österreichs sozialdemokratischer Bundeskanzler Christian Kern weiß das, spürt das – und macht dann auch noch garstige Fehler.

Die SPÖ schlingert und droht zu kentern. Der Kanzler kämpft mit dem Rücken zur Wand. In den Umfragen liegt die Partei im günstigsten Fall derzeit weit hinter der konservativen ÖVP, alias „Liste Kurz“, und praktisch Kopf an Kopf mit den verhassten Rechtspopulisten der Freiheitlichen Partei (FPÖ). Sollte die SPÖ auf Platz 3 landen, was ich noch nicht wirklich glauben kann, dann ist Kern wohl nicht nur den Kanzlersessel los sondern wird auch um die Ehre kommen, die SPÖ, wie von ihm angekündigt, in die Opposition zu führen. Denn die Sozialdemokratische Parteitradition kennt kein Pardon mit Verlierern: die müssen gehen, müssen weg. Mehr als eine kurze Schamfrist wird da nicht gewährt, dann stehen die „Unangenehmen“, die Abgesandten der Parteigranden, unausweichlich mit der seidenen Schnur vor der Tür des Vorsitzenden.

Das Prinzessinnen-Papier

Und jetzt noch das! Der Kanzler hat sich in eine öffentliche Fehde mit Wolfgang Fellner, dem Herausgeber und Verleger der Gratis-Massenzeitung „Österreich“ eingelassen. Der hat vor ein paar Tagen genüsslich ein mehreren Medien zugespieltes internes Papier aus der SPÖ-Zentrale, eine für den Kanzler höchst peinliche Analyse seiner Schwächen, veröffentlicht. Darin wird Kern als eitle „Prinzessin“ charakterisiert und ihm ein „Glaskinn“ bescheinigt. Bei Fellner natürlich mit Fotomontage, „Kern-in-drag“ sozusagen, als Prinzessin. Der Kanzler hat sofort einen Auftritt in Fellners Fernsehsender OE24.tv abgesagt, alle Wahlkampfinserate der SPÖ in „Österreich“ gestrichen und in den sozialen Medien gegen das Blatt gedonnert. Wolfgang Fellner prackt da gleich den scharfen Ball volley übers Netz zurück und kommentiert heute, mehr habe es nicht gebraucht, um die Wahrheit des Kanzler-Psychogramms („Mimose“) zu bestätigen. Außenminister Kurz, der laut Umfragen in Führung liegende Rivale um die Kanzlerschaft, wird dagegen ein paar Zeilen weiter für seine Fairness gelobt. Jede Wienerin, jeder Wiener konnte das heute auf dem Weg zur Arbeit in Fellners bei jedem U-Bahn-Aufgang aufliegender Gratis-Gazette lesen.

Nun ist Wolfgang Fellner eine zwiespältige Erscheinung der Medienwelt. Sein Geschäftsmodell war bisher die symbiotische Koexistenz mit den politisch Mächtigen. Er würde nie aus politischer Überzeugung Stimmung gegen jemanden machen. „Ich bin nett zu euch allen (solange ihr nicht grad einen Riesenblödsinn gemacht habt), dafür füttert ihr mich und meine Medien mit Werbeaufträgen“, so lautete sein ungeschriebenes Credo. Ein sicher lukratives Credo. Fellner ist ein Grenzgänger in Sachen journalistischer Ethik. In seinen Medien wird die Grenzlinie zwischen Inserat und Artikel, zwischen Werbung und Beitrag immer nur knapp diesseits der medienrechtlichen Grenze gezogen. Schon vor dem jüngsten Eklat hatte sich innerhalb der SPÖ von links gewisser Druck aufgebaut, Fellner und andere Zaren des Boulevards nicht mehr so ungeniert zu füttern. Kann sein, dass die Watschen für den Kanzler auch als Warnung gedacht war, nicht auf solche Stimmen zu hören.

Kern gegen *Österreich*

Doch jetzt ist die Sache entgleist. Christian Kern hat im für ihn und die Partei ungünstigsten Moment ohne Not – die Echtheit des „Prinzessinnen-Papiers“ wird von niemand ernsthaft in Zweifel gezogen – eine gefährliche Front eröffnet. Michael Völker bringt es in einem Kommentar im „Standard“ vom 26. September 2017 auf den Punkt: „Es hätte tausend gute Gründe gegeben, „Österreich“ endlich jene Inserate zu streichen, mit denen die Republik und die SPÖ dieses Krawallblatt seit Jahr und Tag auf Kosten der Allgemeinheit mit Steuergeldern durchfüttern. Die aktuelle Berichterstattung über Kanzler Christian Kern ist kein solcher Grund. Die Hetze gegen Ausländer und Flüchtlinge, die erfundenen Interviews, all das hätte längst zu einer Ächtung des Gratisblattes führen müssen. Aber die Politik glaubte, sich mit finanziellen Zuwendungen die Gunst des Boulevards (nicht nur von „Österreich“) erkaufen zu können.“

Nun muss sie, muss der Kanzler den Zorn des Boulevards fürchten. Ich glaube ja nicht, dass Wolfgang Fellner mit gezielten Medien-Schüssen auf Christian Kern große Stimmenanteile verschieben kann. Aber es geht hier auch nicht um große tektonische Bewegungen. Es geht um die Stimmung, um das Ansehen, um positive mediale Präsenz. Ein bis drei Prozent können in 18 Tagen den Unterschied zwischen Platz 2 und Platz 3 bedeuten.

Christian Kern könnte also das Schicksal Viktor Klimas erleiden. Als Quereinsteiger und ehemaliger Industriemanager 1997 an die Spitze der SPÖ und ins Bundeskanzleramt geholt, stürzte Letzterer bei den Nationalratswahlen am 3. Oktober 1999 bitter ab, wurde anschließend bei den Regierungsverhandlungen von Wolfgang Schüssel überdribbelt, trat zurück und wanderte nach Argentinien aus, wo er bis 2012 für den VW-Konzern arbeitete.

Noch ein bisserl mehr Pech, und Christian Kern findet sich, als Farce nach der Tragödie im Sinne der Geschichtsphilosophie des Karl Marx, vor seinem Abgang ins Archiv der Geschichte als Figur bei den Faschingsumzügen 2018 wieder: als Prinzessin Viktor II.

Rückblick auf den Wendepunkt


Liebe Leserin, lieber Leser – ist da noch jemand? – sei gewarnt! Was jetzt kommt, das steht in meinem Lehrbuch der Bloggerei ganz oben auf der Liste des Unausstehlichen, Banalen und Abgeschmackten.

Bloggen sollte eine gesunde Mischung aus Persönlichem und Dingen von allgemeinem Interesse sein. Kein „öffentliches Tagebuch“ sondern ein Spiegel in deiner Hand, der einen leicht abgelenkten, subjektiven aber nie rein selbstreflexiven Blick auf die Welt möglich macht.

Doch heute schreibe ich nur über mich. Es muss sein. Heute bin ich die Exklusivstory. Die Uhr tickt, morgen werde aufwachen und fünfzig Jahre alt sein. Ich werde um vier Uhr morgens zu Weckertönen meines Handys aus dem Bett steigen, zum Flughafen eilen und einen Tag in Brüssel verbringen, wo ich in finsteren Konferenzsälen der Europäischen Kommission mit rund zwei Dutzend beruflichen Schicksalsgenoss/inn/en in einer Sprache palavern muss, die wir als „Englisch“ bezeichnen, aber da habe ich so meine Zweifel! Und etwa so gegen elf Uhr abends bin ich dann eh wieder zu Hause. „Ich“, das ist in diesem Fall natürlich Tanjas Zwillingsbruder.

Natürlich macht der Tag nicht den Unterschied. Es ist ein Tag wie jeder andere. Mein Haar wird danach um keinen Deut grauer sein, kein zusätzlicher Ansatz eines Altersflecks wird sich zeigen, keine weitere hässlich hervortretende Vene an meinen Beinen wird gerade morgen erscheinen.

Aber ich lese die fatale Zahl und weiß: schaue ich jetzt zurück, so liegt der Wendepunkt meines Lebens schon irgendwo da hinten, hinter mir, auf der bereits zurückgelegten Strecke. Denn dass ich Hundert werde, das ist zwar nicht unmöglich aber doch recht unwahrscheinlich. Es geht bergab, zwar nicht rasant, manches im Leben wird mit dem Alter sogar langsamer, aber in regelmäßigen, immer rascher laufenden Zyklen spüre ich die Panik vor dem Versäumen, die Reue des bereits unwiederbringlich Versäumten, das Gefühl des Versagens vor dem Augenblick, den es einzufangen gilt.

Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich morgen, weit weg von allen Gratulantinnen und Gratulanten, bis zum Hals in langweiligem Europakram stecke!

Published in: on 26. Juni 2017 at 19:44  Comments (2)  
Tags: , , , , ,

Und noch mehr Begriffe


Bin ich jetzt pansexuell? Reicht mir bisexuell nicht mehr? Wäre multisexuell eine Möglichkeit? Muss ich mir (und anderen) gestehen, jetzt genderfluid oder genderqueer zu sein? Oder bin ich a-, poly- oder gar multigender? Oder bin ich einfach nur eine neunmalkluge kleine Hirnwichserin mitten im Sprachlabyrinth?

Jedesmal, wenn irgendein queeres Menschlein nicht mehr bequem in seinem Gender-Bettchen schlummert, wälzt es sich herum und erfindet ein neues Wort. Das scheint einfach der Lauf der Welt zu sein.

Manchmal muss es gar kein neues Wort sein. Man kann auch Wörter okkupieren und ihnen eine neue Bedeutung aufprägen. So wie das derzeit mit dem Wort „transident“ versucht wird (es soll den Begriff „transsexuell“ ersetzen, also in seiner Bedeutung deutlich verengt werden).

Fürs Protokoll: Ich bin wahrscheinlich nicht pan- sondern höchstens multisexuell, weil ich nicht jede Erscheinungsform von Geschlecht und Geschlechtsrolle gleich anziehend finde. Und ich bin wohl auch nicht genderfluid, weil ich regelmäßig versuche, eine von zwei möglichen Geschlechtsrollen zu leben. Und wenn ich ab und zu doch ganz bewusst Grenzgänge versuche, rutsche ich meistens mehr auf die weibliche Seite. Und überdies genügt mir dann auch das schöne alte Wort „androgyn“.

Verlust/Beziehung


Die kalte Angst einer Tivi, eine Angst von jener Art, die einem in früher Morgenstunde aus dem Schlaf schreckt, ist die Angst vor einem Beziehungsverlust.

Reden wir von Hauptfall einer heterosexuellen Beziehung. „Sie“ ist also im Alltag ein Mann, die Partnerin eine heterosexuelle Frau, die durch „ihr“ Coming-Out in einen Strudel widersprüchlichster Gefühle gezogen wird. Ich möchte hier, auf der Grundlage eigener Fehler und schmerzvoller Erfahrungen, die Punkte beschreiben, die hier beider Leben im Extremfall sogar zerstören können.

  • Vertrauensverlust. Es kommt oft ohne Vorwarnung. Plötzlich packt er aus: „Du, ich bin auch eine Frau, ich mag Frauenkleider, ich möchte auch als Frau wahrgenommen und beachtet werden.“  Im Nachhinein erinnert sie sich vielleicht an kleine Vorbeben, versteckte Zeichen, übersehene Andeutungen. Trotzdem kommt es meistens wie eine eisige Dusche, eine Faust in die Magengrube, und hinterlässt die bohrende Frage: „Was weiß ich sonst noch nicht, wer ist er eigentlich, mit wem teile ich da Tisch und Bett?“
  • Identitätsverlust. Sein Coming-Out als Transgender bringt jede heterosexuelle Welt durcheinander. Nur wenn beide schon vorher mehr oder weniger offen und ausgeprägt bisexuell waren, wird das eine sanfte Landung. Sonst? „Ich bin nicht lesbisch!“, diesen Satz habe ich von meiner Liebsten oft gehört, und ich höre ihn ab und zu immer noch. Wohlgemerkt, da geht es weniger um die tatsächliche Rollenverteilung beim Sex als um die Frage, wie sie mit einer Tivi an ihrer Seite von anderen Menschen eingeordnet wird.  Was uns zum nächsten Punkt bringt:
  • Reputationsverlust. Jeder Mensch bezieht aus einer Partnerbeziehung auch Ansehen und Prestige. Man lässt sich beneiden, weil man sich einen so netten, feschen, klugen, berühmten oder wohlhabenden Menschen geangelt hat. Man wird im Verwandten- und Freundeskreis als Paar wahrgenommen, eingeladen und taxiert. Machen wir uns nichts vor: Transvestiten rangieren auf der entsprechenden Skala von Opa Nechledil und Tante Jutta nur ein bisserl über Raubmördern auf Bewährung, Prosekturgehilfen und Bankrotteuren. Und die Aussicht darauf, zukünftig sozial geschnitten zu werden oder immer und immer wieder erklären zu müssen, wie das so ist, mit einer Tivi zu leben („Nein, das alles ist kein BDSM-Spiel, ich bin nicht seine Domina!), macht wenig froh.

Unter diesen Spannungen zerbricht so manche Beziehung. Ich kenne auch kein Patentrezept, wie man diese drei Verlustklippen elegant umschiffen kann. Manchmal ist es wohl auch für beide besser, den Schlussstrich zu ziehen. Oft bleibt es ein labiles Gleichgewicht wie in meinem Fall. Eine Beziehung, bei der man stets aufs Neue überlegen muss, was und wieviel man der Partnerin zumuten kann.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten zirka 40 Jahre haben ohne Frage so manches leichter gemacht. Der Kodex von Opa Nechledil und Tante Jutta ist heute weit weniger wichtig. Aber das könnte sich auch wieder ändern.

Manchmal schläft man trotzdem schlecht.

Wackelkontakt


In jüngster Zeit, wobei Zeit für mich in langen Maßen gemessen wird, in jüngster Zeit, Monaten, Jahren, schleichend, habe ich das Gefühl, dass der Kontakt zu meiner weiblichen Seite schwächer wird.

Was heißen könnte, dass ich hier alles zusammenpacke, diesen Blog aufrolle und beginne, meine Geschichte als Mann zu erzählen.

Nein, das passt auch nicht! Nichts passt! Die Dinge passen nur den Menschen, die glauben und nicht denken! Denken, das heißt im „Wenn“ und im „Aber“ schwimmen, den Kopf über Wasser halten, sich gegen das Untergehen wehren. Auch nicht gut, zu viel an übertriebener Dramatik!

Einige Jahre lang war ich mir meiner doppelten Identität ziemlich sicher. Aber im Augenblick wird Tanja schwächer. Und ich bin nicht froh darüber. Sie wird nicht verschwinden (ich war erst letzten Samstag Tanja), aber schwächer eben.

Ich suche nach den Ursachen. Da gibt es Hypothesen:

  • Ich altere sichtbar, habe ein paar Speckröllchen zu viel ober den Hüften, und einige meiner Sachen sind dadurch recht eng oder zu eng –> die rationale Erklärung.
  • Ich bin ein Herz und eine Seele mit meiner Liebsten, und da stört Tanja als „die Andere“ und wird eskapistisch weniger gebraucht –> die emotionale Erklärung.
  • Die immer wieder sichtbar werdende Spaltung der Transgender-Gemeinschaft in Transvestiten und Transsexuelle frustriert mich –> die politische Erklärung.

Vielleicht ist es eine Mischung aus allen dreien.

Das schwarze A der Anarchie


Vor ein paar Tagen hat ein „netter“ Mensch mit einer Spraydose das da auf dem Tor unseres Wohnhauses hinterlassen:

20160116_123122

Uii, das Zeichen des Anarcho! Jetzt fürchte ich mich aber echt! Es soll wohl sagen: „Wir sind da! Wir beobachten euch! Wir können jederzeit zuschlagen!“ Es muss aber in der Nacht sein, und wir brauchen dazu bloß eine Spraydose und gaaaanz viel Mut. 😉

Der Anarchismus ist in meinen Augen ja der dumme August, der Clown unter den radikalen Ideologien. Der Anarchist gleicht einem Grenzdebilen, der hundertmal mit dem Kopf voran gegen eine dicke Betonmauer rennt, sich jedesmal das Blut von der Stirn wischt und laut verkündet: „Aber beim nächsten Mal ist ein Loch drin!“ Und er meint nicht seinen Kopf….

Der Anarchismus versucht uns einzureden, dass der Mensch sich nur von jeder Form von Herrschaft oder Hierarchie befreien müsste, um das Paradies auf Erden zu schaffen. Er ignoriert aus meiner Sicht grundlegende biologische Fakten, die nicht zur Grundidee aus dem philosophischen Elfenbeinturm („Der Mensch ist von Natur aus gut, friedlich und kooperativ“) passen, etwa dass der Mensch von Natur aus bestrebt ist, sich mit anderen zu messen und sich über andere zu erheben.

Heute bilden anarchistische Gruppen ein eher harmloses Bild linker Polit-Folklore im Sektenformat. Doch das war nicht immer so! Im späten 19. Jahrhundert entwickelten und erprobten radikale Anarchisten-Gruppen das perverse Konzept des politisch motivierten Terrorismus. Sie wollten die Weltrevolution herbeibomben.

Heute schwingen sie die Spraydose anstatt Dolch und Dynamitstange. Und sie kleben unsäglich geschwätzige Plakate, die keiner liest, auf diverse Wände.

Reform, da pfeif‘ ma doch drauf!


Möchten Sie nicht auch ein Stück? Re-form, das Ding zergeht doch geradezu auf der Zunge! Die Medien und alle politischen Parteien sind sich einig: Reformen werden gebraucht! Für alles, aber auch wirklich alles: Schule, Asylrecht, Bundesstaat und Datenschutz. Wer bietet mehr? Gut, über das „Wie“ bzw. das „Was“ herrscht Dissens, aber das Prinzip stellt niemand in Frage.

In der Gesetzgebung wäre ein Begriff wie „geplante Obsoleszenz“ zum Beispiel ganz fehl am Platz. Bei Gesetzen würde ein Ablaufdatum manchmal sogar Sinn ergeben. Nein, hier müsste man regelmäßig von reformobsessiver, kalkulierter Disfunktionalität sprechen. Von Rechtsvorschriften, deren effektiver Vollzug gar nicht möglich ist, und die meiner Meinung nach oft nur in Kraft gesetzt werden, um die nächste „Reformdiskussion“ in Gang zu bringen. Das Regelwerk der Verträge der Europäischen Union und ganz besonders der Währungsunion ist dafür ein Musterbeispiel.

In der Technik lohnt es sich gar nicht mehr, jede Schraube am neuen Gerät festzuziehen, weil es schneller im Entsorgungscontainer landen wird, als eine schlecht sitzende Schraube bräuchte, um sich durch die Erschütterungen während des kurzen Gebrauchs zu lösen.

Und zeigen sie mir ein Unternehmen nennenswerter Größe, das sich in den letzten zehn Jahren nicht mindestens zweimal getreu dem Diktat von Mode und Marketing „neu erfunden“, seine Organisation umgekrempelt oder sich zumindest mit einem neuen Logo geschmückt hat.

Alles vielleicht einfach ein Irrtum.

Ich behaupte: keine kollektive, unausgesprochene Sehnsucht ist heute so tief wie die nach Stabilität, Gleichgewicht und Beständigkeit. Wir alle möchten eigentlich beharren, auf festgefügten Pfaden wandeln und mit sicheren Größen kalkulieren, anstatt ständig das Faktum um die Ohren gehaut zu bekommen, dass die Dinge von Gestern nichts mehr wert und alles bisherige Wissen bloß gut für den Mistkübel ist. Warum noch etwas lernen, warum etwas planen und gestalten (und sich dabei Mühe geben, ein gutes Ergebnis zu erzielen!), wenn wie das Amen im Gebet nach dem Abschluss der Arbeit prompt die Diskussion beginnt, wie die nächste Veränderung aussehen „muss“? Die Reform als Selbstzweck.

Für den Politiker ist die Sache klar: eine „Reform“ ist das Kernstück jeder politischen Aufwärmübung und Spiegelfechterei. Das Wort gehört (aber bitte im Dutzend!) in jede Regierungserklärung und in Kombination mit dem Adjektiv „erfolgreiche“ in jeden Rechenschaftsbericht. Nach dem Sinn fragt heute noch keiner, aber, bitte schön, man hat doch was geleistet, was weitergebracht, oder? „Klick!“, Foto bitte – Minister Gschaftlhuber gratuliert Frau Dr. Schießmichtot zur Ernennung zur Reformkoordinatorin für die Produktsicherheit von Katzenklos -, und dann die Erfolgsmeldung auf Twitter loslassen! Die Bösen, das sind die anderen, die Blockierer, die keine Veränderung möchten! So wird munter eine Kulisse der bemühten Geschäftigkeit hochgezogen. Was vergessen wird ist, dass Politikmachen nicht in Konzepten und Rechtsvorschriften sondern nur im Gestalten echte Spuren hinterlässt. Eine echte Reform wird also erst im Vollzug sichtbar. Der Reformvollzug lässt sich bloß schwer für den nächsten Tweet fotografieren…

Gäbe es eine Partei des Stillstands, die versprechen würde, alles dafür zu tun, damit sich in den nächsten fünf Jahren möglichst wenig verändert, meine Stimme hätte sie! Einmal Atem schöpfen. Einmal auf Reformen pfeifen! Und stattdessen ohne Hektik einfach nachdenken. Vielleicht sogar über Veränderungen.

Published in: on 9. September 2015 at 16:33  Schreibe einen Kommentar  
Tags: , , ,
%d Bloggern gefällt das: