Verlust/Beziehung


Die kalte Angst einer Tivi, eine Angst von jener Art, die einem in früher Morgenstunde aus dem Schlaf schreckt, ist die Angst vor einem Beziehungsverlust.

Reden wir von Hauptfall einer heterosexuellen Beziehung. „Sie“ ist also im Alltag ein Mann, die Partnerin eine heterosexuelle Frau, die durch „ihr“ Coming-Out in einen Strudel widersprüchlichster Gefühle gezogen wird. Ich möchte hier, auf der Grundlage eigener Fehler und schmerzvoller Erfahrungen, die Punkte beschreiben, die hier beider Leben im Extremfall sogar zerstören können.

  • Vertrauensverlust. Es kommt oft ohne Vorwarnung. Plötzlich packt er aus: „Du, ich bin auch eine Frau, ich mag Frauenkleider, ich möchte auch als Frau wahrgenommen und beachtet werden.“  Im Nachhinein erinnert sie sich vielleicht an kleine Vorbeben, versteckte Zeichen, übersehene Andeutungen. Trotzdem kommt es meistens wie eine eisige Dusche, eine Faust in die Magengrube, und hinterlässt die bohrende Frage: „Was weiß ich sonst noch nicht, wer ist er eigentlich, mit wem teile ich da Tisch und Bett?“
  • Identitätsverlust. Sein Coming-Out als Transgender bringt jede heterosexuelle Welt durcheinander. Nur wenn beide schon vorher mehr oder weniger offen und ausgeprägt bisexuell waren, wird das eine sanfte Landung. Sonst? „Ich bin nicht lesbisch!“, diesen Satz habe ich von meiner Liebsten oft gehört, und ich höre ihn ab und zu immer noch. Wohlgemerkt, da geht es weniger um die tatsächliche Rollenverteilung beim Sex als um die Frage, wie sie mit einer Tivi an ihrer Seite von anderen Menschen eingeordnet wird.  Was uns zum nächsten Punkt bringt:
  • Reputationsverlust. Jeder Mensch bezieht aus einer Partnerbeziehung auch Ansehen und Prestige. Man lässt sich beneiden, weil man sich einen so netten, feschen, klugen, berühmten oder wohlhabenden Menschen geangelt hat. Man wird im Verwandten- und Freundeskreis als Paar wahrgenommen, eingeladen und taxiert. Machen wir uns nichts vor: Transvestiten rangieren auf der entsprechenden Skala von Opa Nechledil und Tante Jutta nur ein bisserl über Raubmördern auf Bewährung, Prosekturgehilfen und Bankrotteuren. Und die Aussicht darauf, zukünftig sozial geschnitten zu werden oder immer und immer wieder erklären zu müssen, wie das so ist, mit einer Tivi zu leben („Nein, das alles ist kein BDSM-Spiel, ich bin nicht seine Domina!), macht wenig froh.

Unter diesen Spannungen zerbricht so manche Beziehung. Ich kenne auch kein Patentrezept, wie man diese drei Verlustklippen elegant umschiffen kann. Manchmal ist es wohl auch für beide besser, den Schlussstrich zu ziehen. Oft bleibt es ein labiles Gleichgewicht wie in meinem Fall. Eine Beziehung, bei der man stets aufs Neue überlegen muss, was und wieviel man der Partnerin zumuten kann.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten zirka 40 Jahre haben ohne Frage so manches leichter gemacht. Der Kodex von Opa Nechledil und Tante Jutta ist heute weit weniger wichtig. Aber das könnte sich auch wieder ändern.

Manchmal schläft man trotzdem schlecht.

Wackelkontakt


In jüngster Zeit, wobei Zeit für mich in langen Maßen gemessen wird, in jüngster Zeit, Monaten, Jahren, schleichend, habe ich das Gefühl, dass der Kontakt zu meiner weiblichen Seite schwächer wird.

Was heißen könnte, dass ich hier alles zusammenpacke, diesen Blog aufrolle und beginne, meine Geschichte als Mann zu erzählen.

Nein, das passt auch nicht! Nichts passt! Die Dinge passen nur den Menschen, die glauben und nicht denken! Denken, das heißt im „Wenn“ und im „Aber“ schwimmen, den Kopf über Wasser halten, sich gegen das Untergehen wehren. Auch nicht gut, zu viel an übertriebener Dramatik!

Einige Jahre lang war ich mir meiner doppelten Identität ziemlich sicher. Aber im Augenblick wird Tanja schwächer. Und ich bin nicht froh darüber. Sie wird nicht verschwinden (ich war erst letzten Samstag Tanja), aber schwächer eben.

Ich suche nach den Ursachen. Da gibt es Hypothesen:

  • Ich altere sichtbar, habe ein paar Speckröllchen zu viel ober den Hüften, und einige meiner Sachen sind dadurch recht eng oder zu eng –> die rationale Erklärung.
  • Ich bin ein Herz und eine Seele mit meiner Liebsten, und da stört Tanja als „die Andere“ und wird eskapistisch weniger gebraucht –> die emotionale Erklärung.
  • Die immer wieder sichtbar werdende Spaltung der Transgender-Gemeinschaft in Transvestiten und Transsexuelle frustriert mich –> die politische Erklärung.

Vielleicht ist es eine Mischung aus allen dreien.

Das schwarze A der Anarchie


Vor ein paar Tagen hat ein „netter“ Mensch mit einer Spraydose das da auf dem Tor unseres Wohnhauses hinterlassen:

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Uii, das Zeichen des Anarcho! Jetzt fürchte ich mich aber echt! Es soll wohl sagen: „Wir sind da! Wir beobachten euch! Wir können jederzeit zuschlagen!“ Es muss aber in der Nacht sein, und wir brauchen dazu bloß eine Spraydose und gaaaanz viel Mut.😉

Der Anarchismus ist in meinen Augen ja der dumme August, der Clown unter den radikalen Ideologien. Der Anarchist gleicht einem Grenzdebilen, der hundertmal mit dem Kopf voran gegen eine dicke Betonmauer rennt, sich jedesmal das Blut von der Stirn wischt und laut verkündet: „Aber beim nächsten Mal ist ein Loch drin!“ Und er meint nicht seinen Kopf….

Der Anarchismus versucht uns einzureden, dass der Mensch sich nur von jeder Form von Herrschaft oder Hierarchie befreien müsste, um das Paradies auf Erden zu schaffen. Er ignoriert aus meiner Sicht grundlegende biologische Fakten, die nicht zur Grundidee aus dem philosophischen Elfenbeinturm („Der Mensch ist von Natur aus gut, friedlich und kooperativ“) passen, etwa dass der Mensch von Natur aus bestrebt ist, sich mit anderen zu messen und sich über andere zu erheben.

Heute bilden anarchistische Gruppen ein eher harmloses Bild linker Polit-Folklore im Sektenformat. Doch das war nicht immer so! Im späten 19. Jahrhundert entwickelten und erprobten radikale Anarchisten-Gruppen das perverse Konzept des politisch motivierten Terrorismus. Sie wollten die Weltrevolution herbeibomben.

Heute schwingen sie die Spraydose anstatt Dolch und Dynamitstange. Und sie kleben unsäglich geschwätzige Plakate, die keiner liest, auf diverse Wände.

Reform, da pfeif‘ ma doch drauf!


Möchten Sie nicht auch ein Stück? Re-form, das Ding zergeht doch geradezu auf der Zunge! Die Medien und alle politischen Parteien sind sich einig: Reformen werden gebraucht! Für alles, aber auch wirklich alles: Schule, Asylrecht, Bundesstaat und Datenschutz. Wer bietet mehr? Gut, über das „Wie“ bzw. das „Was“ herrscht Dissens, aber das Prinzip stellt niemand in Frage.

In der Gesetzgebung wäre ein Begriff wie „geplante Obsoleszenz“ zum Beispiel ganz fehl am Platz. Bei Gesetzen würde ein Ablaufdatum manchmal sogar Sinn ergeben. Nein, hier müsste man regelmäßig von reformobsessiver, kalkulierter Disfunktionalität sprechen. Von Rechtsvorschriften, deren effektiver Vollzug gar nicht möglich ist, und die meiner Meinung nach oft nur in Kraft gesetzt werden, um die nächste „Reformdiskussion“ in Gang zu bringen. Das Regelwerk der Verträge der Europäischen Union und ganz besonders der Währungsunion ist dafür ein Musterbeispiel.

In der Technik lohnt es sich gar nicht mehr, jede Schraube am neuen Gerät festzuziehen, weil es schneller im Entsorgungscontainer landen wird, als eine schlecht sitzende Schraube bräuchte, um sich durch die Erschütterungen während des kurzen Gebrauchs zu lösen.

Und zeigen sie mir ein Unternehmen nennenswerter Größe, das sich in den letzten zehn Jahren nicht mindestens zweimal getreu dem Diktat von Mode und Marketing „neu erfunden“, seine Organisation umgekrempelt oder sich zumindest mit einem neuen Logo geschmückt hat.

Alles vielleicht einfach ein Irrtum.

Ich behaupte: keine kollektive, unausgesprochene Sehnsucht ist heute so tief wie die nach Stabilität, Gleichgewicht und Beständigkeit. Wir alle möchten eigentlich beharren, auf festgefügten Pfaden wandeln und mit sicheren Größen kalkulieren, anstatt ständig das Faktum um die Ohren gehaut zu bekommen, dass die Dinge von Gestern nichts mehr wert und alles bisherige Wissen bloß gut für den Mistkübel ist. Warum noch etwas lernen, warum etwas planen und gestalten (und sich dabei Mühe geben, ein gutes Ergebnis zu erzielen!), wenn wie das Amen im Gebet nach dem Abschluss der Arbeit prompt die Diskussion beginnt, wie die nächste Veränderung aussehen „muss“? Die Reform als Selbstzweck.

Für den Politiker ist die Sache klar: eine „Reform“ ist das Kernstück jeder politischen Aufwärmübung und Spiegelfechterei. Das Wort gehört (aber bitte im Dutzend!) in jede Regierungserklärung und in Kombination mit dem Adjektiv „erfolgreiche“ in jeden Rechenschaftsbericht. Nach dem Sinn fragt heute noch keiner, aber, bitte schön, man hat doch was geleistet, was weitergebracht, oder? „Klick!“, Foto bitte – Minister Gschaftlhuber gratuliert Frau Dr. Schießmichtot zur Ernennung zur Reformkoordinatorin für die Produktsicherheit von Katzenklos -, und dann die Erfolgsmeldung auf Twitter loslassen! Die Bösen, das sind die anderen, die Blockierer, die keine Veränderung möchten! So wird munter eine Kulisse der bemühten Geschäftigkeit hochgezogen. Was vergessen wird ist, dass Politikmachen nicht in Konzepten und Rechtsvorschriften sondern nur im Gestalten echte Spuren hinterlässt. Eine echte Reform wird also erst im Vollzug sichtbar. Der Reformvollzug lässt sich bloß schwer für den nächsten Tweet fotografieren…

Gäbe es eine Partei des Stillstands, die versprechen würde, alles dafür zu tun, damit sich in den nächsten fünf Jahren möglichst wenig verändert, meine Stimme hätte sie! Einmal Atem schöpfen. Einmal auf Reformen pfeifen! Und stattdessen ohne Hektik einfach nachdenken. Vielleicht sogar über Veränderungen.

Published in: on 9. September 2015 at 16:33  Schreibe einen Kommentar  
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Flucht! – Migration – Invasion?


Während ich dies schreibe, bestätigen sich Medienberichte, wonach die ungarische Regierung, trotz des Baus eines Zaunes an der Grenze zu Serbien, vor dem Ansturm von Flüchtlingen kapituliert und den Menschen, die den Budapester Ostbahnhof belagtert haben, das Besteigen von Zügen in Richtung Österreich und Deutschland gestattet hat. „Hunderte“ – gezählt hat sie keiner – sind heute allein per Bahn in Wien angekommen.

Dazu die aktuelle Meldung der ÖBB (31. August 2015, früher Abend):

„Wegen überfüllter Züge aus Budapest ist der Verkehr zwischen Wien und Budapest über Hegyeshalom derzeit nur sehr eingeschränkt möglich. Der RJ 64 ist ca. 200 Minuten verspätet und endet in Wien Westbf, der RJ 66 ist ca. 90 Minuten verspätet und fährt bis Wien Westbf. RJ 68 ist derzeit unbestimmt verspätet und endet ebenfalls in Wien Westbf. Von Wien nach München werden Ersatzzüge fahrplanmässig geführt. Die Züge RJ 63 und RJ 65 fahren nur bis Bruck a. d. Leitha. Weiterbeförderung mit den nächsten fahrplanmässigen Zügen.“

Es ist allerdings nicht klar, wann wieder ein fahrplanmäßiger Zugverkehr über die Grenze nach Ungarn möglich sein wird.

Obwohl all diese Menschen nach den Buchstaben des Gesetzes eigentlich gar nicht reisen dürften. Die wenigsten dürften (noch) einen Pass und keiner ein Visum für ein Land des Schengen-Raumes besitzen.

Was ist das nun? Eine Welle Hilfsbedürftiger ist es, solange „diese armen Menschen“ demütig gebeugt um Hilfe bitten und nicht mit uns Eingesessenen um Arbeitsplatz, Wohnung oder einen Platz am Sozialtropf (oder -topf) konkurrieren. Wenn aber einmal hunderte (tausende?) Menschen durch ihre bloße Masse und lautes Schreien („Lasst uns nach Deutschland!“ sollen sie in Budapest gerufen haben) Regierungen zum Nachgeben zwingen, dann ist das nicht mehr bloß eine Manifestation des Elends und des Bedürfnisses nach Schutz vor Verfolgung. Da ist Einwanderung erzwungen worden.

Denn wer in Ungarn würde all die Männer und ihre Familien vor dem Budapester Ostbahnhof denn töten, in eine Bürgerkriegsarmee zwingen, verhaften, foltern oder sonstwie quälen? Niemand. Das Schlimmste, was denen droht, wäre, kein Gratisessen und keinen Schlafplatz zu bekommen, und irgendwann dann der Rückschub nach Serbien, Mazedonien oder Griechenland. Um nach dem Gesetz im ersten sicheren Land um Asyl anzusuchen.

Dann ist es eine Invasion? Der Bruch von Gesetzen, die das Recht zum Aufenthalt regeln, das erzwungene, fast schon gewaltsame Überschreiten von Staatsgrenzen, um Aufenthalt, Arbeit und soziale Versorgung im Land der eigenen Wahl zu erzwingen, das alles ist eine direkte Herausforderung staatlicher Autorität. Und da wird es heikel. Denn wenn der Staat nicht mehr in der Lage ist, zu bestimmen, wer in meinem Land, meiner Stadt wohnen darf, warum maßt er sich dann noch an, mir etwas vorzuschreiben? Etwa, dass ich Steuern zahlen muss, meinen unsympathischen Nachbarn nicht einfach mit einem großen Prügel aus seinem Haus jagen, oder dass ich nicht gegen Fremde hetzen darf?

Ein Staat, der seine Gesetze und seine Grenzen nicht verteidigt, hat praktisch seine Existenz verwirkt.

Mit Recht wenden die Menschlichen, die Hilfsbereiten, die – ohne bösen Unterton! – Guten ein, dass ein reiches Land wie Österreich einigen Tausend Menschen Schutz und Unterstützung zu bieten im Stande sein muss. Doch die übersehen, dass wir schon mitten in einem Strudel kollektiver atavistischer, sozialdarwinistischer Gefühle stecken: „Mehr von denen, weniger für uns hier!“ „Macht man das Tor einmal einen Spalt auf, dann sprengt es die Flut!“ „Das Wasser sucht sich stets den Weg des geringsten Widerstandes!“

Und vor allem: Wo und wann endet das alles?

Wenn man sich, wie das berühmte Gedicht auf die Freiheitsstatue in New York, zum Motto nimmt: „Gebt mir eure Müden, eure Armen/Eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen“, dann kann man nicht sagen: „Aber bei zehntausend (oder hunderttausend oder zweihunderttausend) Armen ist dann Schluss!“

Das Recht auf Asyl wurde nicht unter der Annahme geschaffen, dass sich Massen unter Berufung auf dieses Recht in Bewegung setzen könnten. Solange es dieses Recht gibt, wird es auch keine geordnete Einwanderung geben, die, das ist ja der Treppenwitz bei der Sache, in Österreich und den meisten Ländern Europas gebraucht würde.

Die Armen, die geknechteten Massen Syriens, Afghanistans, Iraks, Pakistans, des Jemen, Libyens und noch gut eines Dutzend anderer Länder Afrikas, fast nur muslimischer Länder, sie werden nicht warten, sie werden starten, sobald Transportmittel zur Verfügung stehen.

Wir werden sie alle bewusst reinlassen müssen, oder wir müssen zu gewisser Härte, ja zu Grausamkeit bereit sein. Weil unsere Gesellschaft solche anarchischen Tage wie heute nicht oft verträgt, ohne aus den Fugen zu gehen.

Die Europäische Union, dieser unvollendete, unförmige Staats-Golem, wird weder eine Grenze schützen noch irgendjemandem Asyl gewähren können. Weil sie über kein Land verfügt, das man verteidigen oder verteilen könnte. Also bröckeln die EU-Schönwettersysteme wie „Schengen“ und „Dublin“ im Zeitraffer. Und vielleicht ist die Asylkrise ja die Hand, die das magische Symbol aus dem Mund des Golem zieht und ihn wieder zu Staub zerfallen lässt.

Published in: on 31. August 2015 at 23:05  Schreibe einen Kommentar  
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Der Schnecke Schatten an der Wand


Hinter meiner Wohnungstüre gleich links kann man derzeit dies seltsame Bild sehen:

Schneckenschatten

Im Grunde ist es nur der Abdruck eines Metallrahmens mit vier Garderobenhaken in Form einer Schnecke. Wie man sieht, ist die Schnecke an diesem Platz Geschichte. Abmontiert und verpackt zur eventuellen Weiterverwendung. Es ist spät, und es ist meine letzte Nacht in der Wohnung, in der ich die letzten zehn Jahre meines Lebens verbracht habe. Die Wohnung ist nur mehr angefüllt mit Übersiedlungskartons und macht einen schmutzigen und verbrauchten Eindruck. Abgenutzt eben. So wie ich, die Schnecke. Denn das „häusliche“ Tier mit dem großen Appetit auf Salat ist auch mein Spitznamensvetter. Die Schnecke zieht also weiter. Die Tanja-Schnecke hofft auf ein freundliches neues Haus, in dem sie lange, lange bleiben kann.

Zehn Jahre Leben an einem Ort hinterlassen also einen Schatten. An der Wand und in mir drinnen. Jetzt, todmüde nach zwei Tagen des Packens und Demontierens, erinnere ich mich. Ich weiß nicht, man verklärt im Rückblick fast alles, aber ich bin sehr traurig, wehmütig und den Tränen nahe. Was kommt jetzt, was wird sein? Früher – vor zehn Jahren oder so, natürlich! – waren solche melancholischen Momente meine besten Schreibstunden. Heute entsteht ein Text, der mir ein wenig vorkommt wie das geschriebene Gegenstück zum Stammeln des Redners. Kein Text, der ermutigt, doch wieder mehr zu schreiben!

Die Schnecke ist müde. Die Schnecke ist melancholisch. Die Schnecke hat einen schweren Tag vor sich. Bald kommt ein Maler, die Wand mit weißer Farbe zu streichen, und dann wird auch der Schnecke Schatten ausgelöscht und verschwunden sein. Hoffentlich ziehen freundliche Menschen in diese Wohnung, vielleicht einen Familie mit Kindern. Kindern, die mehr lachen und mehr Lachen verbreiten als ich!

Published in: on 30. Juli 2015 at 23:11  Schreibe einen Kommentar  
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Siebzig Jahre Freiheit für Hasen und Füchse


Und ein alter Mann, halb opportunistischer Fuchs, halb hakenschlagender Hase, trat hin vor das verzagte Volk und ließ verkünden:

  • Die demokratische Republik Österreich ist wiederhergestellt und im Geiste der Verfassung von 1920 einzurichten.
  • Der im Jahre 1938 dem österreichischen Volke aufgezwungene Anschluss ist null und nichtig.

So könnte eine Beschreibung der Ereignisse lauten, die man die Unabhängigkeitserklärung der zweiten österreichischen Republik nennt, deren Artikel I und II oben zitiert werden. Der Hasenfuchs war natürlich Karl Renner, das Datum der 27. April 1945, und der zweite Weltkrieg war noch nicht ganz zu Ende.

Das Gründungsdokument der Zweiten Republik ist weder schön noch von welthistorischer Bedeutung. Es ist, samt Präambel, ein langatmiges, weitschweifiges Instrument der Rechtfertigung. Gewürzt mit einer Prise Selbstmitleid und Perfidie, wenn man bedenkt, dass der mehrfache nationalsozialistische Völkermord darin nicht einmal in einem Nebensatz thematisiert wird.

Aber die Unabhängigkeitserklärung ist das, was damals notwendig war. Renner wusste das. Er traf den Ton. In dem Chaos, das dem untergehenden Nazi-Reich auf dem Fuß folgte, war kein Platz für eine Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne. Später vielleicht, aber wann wäre rechtzeitig-später gewesen?

Und die Menschen freuten sich. Fuchs und Hase hatten, zwischen Hunger und Ruinen, den Optimismus mitgebracht.

Alles Gute, liebe Republik, die Du jeden Monat meine Rechnungen bezahlst!

 

Die kleine Hölle im Umzugskarton


Ich hasse Veränderungen. Die schnellen, die ruckartigen jedenfalls. Ich liebe die Kontinuität und das, was wächst und Schritt für Schritt vorwärts macht.

Und jetzt steht wieder einmal eine private Übersiedlung an. Mein Mietvertrag läuft nach zehn Jahren ab. Meine Freundin und ich möchten eine neue, gemeinsame Wohnung. Eine Wohnung ist gefunden, ein Mietvertragsentwurf samt Zusage von Eigentümer und Hausverwaltung liegen vor, einen Termin für Vertragsunterzeichnung und Schlüsselübergabe gibt es auch schon.

Also werde ich ab 1. Juni damit beschäftigt sein, meinen Hauptwohnsitz in eine nagelneue Maisonette in einer anderen Wiener Vorstadt zu verlegen. Dachgeschoß, zwei Etagen, kleine Loggia/Terrasse. Nicht besonders groß für zwei, aber die Lage war uns wichtig, und mehr Wohnraum in den Bezirken Eins bis Neun können wir uns halt nicht leisten.

Jetzt kommt die Übersiedlung – die gefürchtete Veränderung, die ruckartige. Hunderte Kleinigkeiten und Detailfragen, die mir nächtelang den Schlaf rauben werden. Welche Umzugsfirma, welcher Termin, wieviele Kartons? Telefon, Kabelfernsehen, Satellitenfernsehen, Internet, elektrischer Strom, Haushaltsversicherungen, welche Verträge kündigen wir, welche können wir auf den neuen Haushalt übertragen, welche müssen wir neu schließen? Möbel, Einrichtungsgegenstände und Hausrat werden ein echtes Problem werden. Die neue Wohnung liegt in einem ausgebauten Dachgeschoß, also sind Dachschrägen zu berücksichtigen, und das schränkt die für hohe Kästen geeigneten Aufstellflächen deutlich ein. Wir werden mehr Kommoden, Truhen und Laden brauchen. Und wir haben natürlich zu viele Teller, Gläser, Töpfe, Pfannen und Küchenbesteck. Wer trennt sich von welchen Sachen? Wie werden wird die Überschüsse los? Verkaufen, verschenken, wegwerfen? Brauchen wir die Sperrmüllabfuhr? Und dann wäre da natürlich noch die Frage der Räumung meiner jetzigen Wohnung. Werde ich sie ausmalen lassen, wie es im Mietvertrag steht, oder riskiere ich einen Rechtsstreit? Es gibt mehrere Verbesserungen, die ich gemacht habe. Kriege ich dafür eine Ablöse und von wem? Bekomme ich meine Kaution anstandslos zurück, oder wird die Vermieterin Spompanadeln  machen?

Und all das in ein, zwei, drei Monaten! Ich bräuchte – neben ein paar Möbelpackern – einen Übersiedlungsorganisator, einen Verkaufsagenten, einen Entsorgungsbeauftragten und vielleicht am besten gleich auch noch einen Rechtsanwalt, einen mit allen Wassern gewaschenen Experten für Wohnrechtsfragen (nur für alle Fälle).

Dann könnte ich (vielleicht) in den nächsten Wochen und Monaten ruhig schlafen. Aber das kann ich mir nicht leisten. Also werde ich mir selber einen Weg durch die diese kleine, gemeine Hölle voller Fußangeln suchen müssen.

Published in: on 19. April 2015 at 19:10  Schreibe einen Kommentar  
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